Macht und Ohnmacht Europa

Es ist für mich eine große Ehre, heute das Europäische Forum Alpbach mitzueröffnen und euch alle ansprechen zu dürfen. Ich bin den Veranstaltern für ihre Wahl sehr dankbar. Es ist jedoch eine andere Frage, ob ich, d. h. ob meine Vorlesung auch euch, liebe ZuhörerInnen, zufrieden stellen kann. Ich bin nämlich seit vielen Jahren kein Techniker und seit einiger Zeit auch kein Politiker mehr, so dass bloß ein Philosoph geblieben ist.

Es ist – wenn ich mich nicht täusche – Martin Walser, der bemerkt hat, Philosophen seien Leute, die sich um Probleme kümmern, die sonst keinen Anderen sonderlich quälen. Tatsächlich kann ein Philosoph kaum atemraubende Entdeckungen oder auch gewinnbringende Erfindungen anbieten und bleibt an seine Deutungen und Überlegungen angewiesen, auf die bloße Rede. Kann also nur dort gefragt sein, wo kein anderer einen besseren Rat anzubieten hat, wo man einfach nicht weiß. Der Titel unseres Forums mag den Eindruck erwecken, als ob es auch hier der Fall sein könnte.

Nun will ich keineswegs vortäuschen, dass ich etwas mehr als andere Kollegen weiß, kann jedoch vielleicht in der philosophischen Tradition Hinweise finden, was sich in einer solchen, übrigens keineswegs seltenen Lage, doch machen lässt. Gestellt vor ein schwieriges Problem, sollten wir wohl erst versuchen, die Problemstellung selbst unter die Lupe nehmen. So möchte ich heute zunächst den Begriff der Macht etwas klären und dann zwei Bemerkungen zum Thema Europa machen.

Macht, Herrschaft und Gewalt

Unter dem Begriff der Macht werden gewöhnlich zu viele verschiedene Vorstellungen und Ideen zusammengefasst, um eine vernünftige Debatte darüber zu ermöglichen. Es heißt also zunächst zu unterscheiden. Fangen wir mit der einfachen Definition Max Webers an, Macht sei die Möglichkeit den eigenen Willen durchzusetzen, eventuell auch gegen den Widerstand anderer.[2] Diese sehr nützliche Abgrenzung erlaubt einerseits das Phänomen in seiner ganzen Breite zu erfassen, andererseits von anderen, mehr oder weniger verwandten und ähnlichen zu unterscheiden.

Zunächst wird gleich ersichtlich, dass eine gewisse Macht jedem lebenden Menschen eigen ist, ob alt oder jung, arm oder reich. Mit Hans Jonas könnte man sogar argumentieren, Macht in diesem Sinne ist auch allen anderen Lebewesen eigen, die um zu leben eigentlich immer auch irgendwie “handeln” müssen.[3] Auch die kleine Birke auf einer verlassenen Wand setzt seine Wurzel zwischen den Steinen durch, und zwar ohne sie zu fragen. Hier zeichnet sich also schon der ungewöhnlich breite Fächer verschiedener Formen der “Durchsetzung”, also der Macht – von freundlicher Überredung bis zu einer ganz rücksichtslosen und zerstörerischen Gewalt. Man kann wohl sagen, die Macht sei nur eine Art Kehrseite jeder handelnden Freiheit überhaupt, während Wortwendungen, die “Macht” etwa einem Sturmwind oder einer Flut zuschreiben, werden wir lieber als metaphorisch deuten.

Von dieser elementaren Macht, die wohl Nietzsche in seinem berühmten und berüchtigten “Willen zur Macht” im Sinne hatte, müssen wir alle Phänomene gesammelter, angehäufter Macht, die für menschliche Gesellschaften so charakteristisch sind, sauber trennen. Weber spricht hier über “Herrschaft” im Sinne einer organisierten Macht, die einerseits die elementaren “Mächte”, also die Durchsetzungsvermögen der Einzelnen sammelt und verbindet, um sie andererseits zu Durchsetzung kollektiver Ziele anzuwenden, vor allem um anderen Menschen diese Ziele und Entscheidungen aufzuzwingen.[4] Auch dies kann bekanntlich mehr oder weniger kultiviert, oder umgekehrt hart und grausam geschehen.

In jedem Falle entsteht hier eine Spannung zwischen denjenigen, die sich als ein “Wir” durchsetzen und mehr oder weniger freiwillig kooperieren, und denjenigen, die als “Sie” draußen bleiben und manches sich gefallen lassen müssen. Nun haben aber alle gesellschaftlich lebenden Wesen verschiedene Techniken, Geste, Rituale, Sitten und Institutionen entwickelt, die die negativen, selbstzerstörerischen Einwirkungen  jener unentbehrlichen Spannungen mäßigen oder zügeln sollen. Diese sind freilich in den menschlichen Gesellschaften unvergleichlich komplizierter als bei anderen Lebewesen, werden oft bestimmten Personen, Ämtern oder sozialen Schichten anvertraut und sorgfältig verteilt, doch immer Funktionen der ganzen Gesellschaft bleiben.

Jede menschliche Gesellschaft, ob nun nach Familien und Stämmen oder in modernen Staaten organisiert, lebt also in einem eher prekären Gleichgewicht zwischen den “wilden” und “natürlichen”, jedenfalls aber zugleich belebenden Kräften, Mächten und Spannungen, und den kulturellen bzw. institutionellen Zügeln, die sie bändigen versuchen. Jede ernsthafte Störung dieses immer neu zu suchenden Gleichgewichts zwischen den gesellschaftlichen Mächten und Ordnungen kann zu Katastrophe führen – entweder zu Durkheims “Anomie” oder umgekehrt zu einer Friedhofsruhe. So ist es und wird es auch mit dem Macht- und Ohnmachtsgebilde Europa sein. Setzen wir als Europäer uns selber zu viel oder zu wenig durch? Ist unser Handeln, sind unsere Pläne zu kühn oder sogar rücksichtslos, oder sind wir eher zu vorsichtig und ratlos? Das sind die Fragen, die uns hier von den Veranstaltern gestellt sind.

Wir und Europa – wo stehen wir?

Wenn wir nun explizit zum Thema Europa kommen, könnte es vom Nutzen sein, unseren eigenen Blick- und Standpunkt diesem Europa gegenüber etwas näher zu erörtern. Um jetzt möglichen Missverständnissen vorzubeugen, werde ich lieber im Singular sprechen – nicht weil ich mich selbst für so wichtig halte, sondern weil die Standpunkte aller Anwesenden nicht unbedingt identisch sein müssen. Es macht nämlich einen nicht zu vernachlässigenden Unterschied, ob ich über “Europa” als über einen mir vorliegenden Objekt, der mich sonst nicht besonders berührt, über ein Vorhandenes, um mit Heidegger zu sprechen, oder ob ich mich eher als Europäer in ein gemeinsames “Wir” einschließe. Ob ich also über Europa eher von außen her, oder wenn sie wollen “objektiv” nachdenke, oder ob ich mich mit ihr identifiziere.

Damit soll dem heute mancherorts modischen “Skeptizismus” dem Projekt Europa gegenüber kein Wort geredet werden. Gerade im Gegenteil: als Tscheche bin ich freilich glücklich, das ich heute in einem Lande leben kann, dass nach langen Jahren unfreiwilligen Ausgeschlossenseins jetzt wieder zum Europa, und zwar nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinne des Wortes gehört.

Es geht mir um etwas anderes. Obwohl wir Tschechen gerne damit prahlen, dass unser Land im “Herzen Europas” liegt und obwohl Prag – dank den Verwüstungen des Krieges – zu einem Typus historischer europäischer Stadt geworden ist, muss ich ganz nüchtern zugeben, dass wir in Wirklichkeit eher zu einer Peripherie europäischen Lebens gehören, wenigstens im politischen Sinne. Gerade diese etwas “exzentrische” Lage gibt uns aber eine bessere Möglichkeit, unser Thema von den beiden oben erwähnten Blickpunkten zu betrachten, was ich in den nachfolgenden Seminaren etwas ausführlicher zu diskutieren gedenke.

Diese zwei entgegengesetzten Blickpunkte hängen mit der eben erwähnten Polarität des gesellschaftlichen Gleichgewichts eng zusammen. Als handelnder Mensch fühle ich mich eindeutig als einer, der zum kulturellen, wirtschaftlichen und politischen “Wir-Europa” gehört. Es ist mein und unser Europa, in dem ich zu handeln versuche, für den ich meine Verantwortung trage und mit dessen Zukunft ich auch meine weiterreichenden Hoffnungen verbinde. Jeder Erfolg dieses Europa ist für mich ganz selbstverständlich auch mein Erfolg und jeden seiner Misserfolge, und ganz besonders seiner Fehlentscheidungen oder Schwächen muss ich folglich als zum Teil auch mein Versagen verstehen.

Trotzdem bin ich zugleich insofern ein Europäer, dass ich aus meiner Erziehung und Erfahrung weiß, dass es sich immer geziemt, wenn nicht sogar strikt geboten ist, von Zeit zu Zeit von dieser “natürlichen” Lebenseinstellung des Handelnden zurückzutreten und die Sachen von dem anderen, sozusagen “objektiven” Blickpunkt, aus der Distanz eines Unbeteiligten zu betrachten und auszuwerten. Denn gerade diese außergewöhnliche, keineswegs selbstverständliche, sondern erst in der jahrhundertelangen peinlichen Entwicklung europäischer – und zwar nur europäischer  – kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen erworbene Fähigkeit und Neigung, auch dem Eignen gegenüber den gebotenen Abstand einnehmen zu können, halte ich für das wesentlichste Merkmal Europas.

Was zeichnet Europa aus?

Damit bin ich zu der zweiten und letzten Bemerkung über Europa angelangt. Zu der Frage, worin oder wodurch sich die Europäische von allen anderen Kulturen und Zivilisationen unterscheidet, gibt es eine reiche Literatur, die viele Antworten anbietet. Es gibt Antworten, die auf der Geschichte fußen und verschiedene Wurzel oder Quellen der europäischen Originalität hervorheben. Man kann von den geographischen Merkmalen unseres Kontinents ausgehen, von seinen gegliederten Küsten, vielen Flüssen und mildem Klima ausgehen. Oft wird die Europäische Entwicklung von den zwei Wurzeln griechischer Rationalität und israelischer Religion abgeleitet, die im Universalismus des europäischen Christentums zusammengewachsen sind. Man versucht auch, eine bestimmte Auffassung des Menschen, die jedenfalls christlichen Ursprungs ist und die menschliche Person, seine Freiheit und Würde hervorhebt, als das auszeichnende Thema Europas hervorzuheben.

An jeder dieser Deutungen ist sicherlich etwas wahr. Trotzdem möchte ich noch auf einen Charakterzug hinweisen, der wenigstens die Höhepunkte europäischer Geschichte auszeichnet. Ich meine die rege Neugier, jene ungewöhnliche Rührigkeit, die schon bei Herodotos aufkommt und auch die griechische Kultur wohl noch besser charakterisiert als das rationale Denken der großen Athener. Die Besessenheit mit allem Neuen und Fremden, die schon Ovidius mit dem Ende des goldenen Zeitalters verbindet, die aber auch die römische Expansion, die Kreuzzüge und Entdeckungsreisen, die Missionare sowie Kolonisten und jedenfalls die spätere Wissenschaft wenigstens zum Teil beseelt.

Während alle anderen uns bekannten Kulturen und Zivilisationen in einem schuldlosen, fast möchte man sagen paradiesischen Zustand einer selbstverständlichen Selbstzentrierung, eines ungebrochenen und stillen “Ja-sagens” zu sich selbst lebten, ist es in Europa seit Jahrtausenden anders. Der französische Philosoph Rémi Brague hat gezeigt, wie sehr die Zeiten europäischer Größe zugleich ein Bewusstsein eigener geistigen Abhängigkeit, wenn nicht sogar Zweitrangigkeit begleitet. Diese Offenheit nach außen, die Bereitwilligkeit, fremde Vorbilder zu übernehmen, steht hinter der überraschenden Durchlässigkeit für kulturelle Neuerungen, die seit dem frühen Mittelalter Europa kennzeichnet, ebenso wie später etwa für technische Erfindungen oder für die Mode.

Die wohl wichtigsten Früchte dieser europäischen Neugier einerseits und der Vorliebe für einen kritischen Abstand anderseits ist wohl die Aufklärung und seine Schwester, die Wissenschaft. Diese beiden gründeten die europäische Einmaligkeit und Hegemonie des 19. Jahrhunderts, die erst durch die beiden Weltkriege zugrunde ging. Jenes große Segen der Moderne hat also auch Hochmut nach sich gezogen und den nachfolgenden Fall. Seit dem Zweiten Weltkrieg und den ersten Nachkriegsjahren schwankt Europa zwischen Enthusiasmus und ermüdeter Bequemlichkeit, zwischen großen Plänen und ungeduldigen Enttäuschungen. Die Zeiten europäischer Hegemonie und Expansion sind – Gott sei Dank – vorbei. Wollte aber Europa jetzt einen zweiten Atem finden, kann sie sich aus der Geschichte belehren lassen: jede Epoche seiner wirklichen Größe fing mit einer Welle beharrlicher Anstrengung, mutiger Opferwilligkeit und schöpferischer Neugier an.[5]

Trotz aller schrecklichen Verbrechen und Verluste des zwanzigsten Jahrhunderts sind die besonderen geographischen, menschlichen und geistigen Bedingungen in Europa immer noch da, jetzt aber in unseren Händen und unserer Verantwortung. Die Erfahrung unserer selbstverschuldeten Niederlagen könnte uns vor neuen schützen. Ohne Mut, Anstrengung und Neugier wird es aber kaum gelingen können. Obwohl ich selbst beileibe kein Nietzscheaner bin, kann ich kein besseres Wort zum Abschluss finden, dass dieses merkwürdige Programm Europa zusammenfasst, als die ernst gemeinte Mahnung Nietzsches “Lebt gefährlich!”

Das darf nun nicht bedeuten, dass wir uns kopflos etwa in politische Abenteuer einlassen oder unsere Sicherheit vernachlässigen sollten. Es bedeutet aber, dass wir uns nicht z. B. von den Terroristen einschüchtern lassen dürfen, sondern unsere Freiheitsliebe und Offenheit auch diesen gegenüber verteidigen sollen. Es bedeutet nicht, dass wir die Gefahren der Umweltbeschädigung unterschätzen sollten, aber auch nicht, dass wir uns in einen billigen Pessimismus flüchten könnten. Wir wissen heute, dass sich unsere Konsummöglichkeiten nicht unbegrenzt steigern lassen. Das kann aber nur bedeuten, dass wir andere Wege weiterer Entwicklung suchen müssen, aber keineswegs, dass wir das europäische Programm der neugierigen Erforschung und kritischer Pflege der Welt, der Menschen und unserer so reichen kulturell-gesellschaftlichen Erbschaft aufgeben dürften.



[1] Prof. Jan Sokol, PhD., Fakultät für Humanwissenschaften der Karlsuniversität Prag, sokol@fhs.cuni.cz.

[2] Vgl. M. Weber,

[3] Vgl. H. Jonas, Evolution und Freiheit. In: ders. Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen, Frankfurt am Main 1992, S. 11 – 33.

[4] Vgl. M. Weber, Die drei reinen Typen legitimer Herrschaft. In: ders., Soziologie – Universalgeschichtliche Analysen – Politik, Stuttgart 1992, S. 151 – 166.

[5] Max Weber führt als “entscheidende Qualitäten” des Politikers “leidenschaftliche Hingabe an eine Sache – Verantwortungsgefühl – Augenmass” an. M. Weber, Der Beruf zur Politik. In: ders., Soziologie – Universalgeschichtliche Analysen – Politik, Stuttgart 1992, S. 167.