Die Rolle Europas in einer globalen Welt

Das Thema, das mir hier anvertraut worden ist, halte ich für ebenso wichtig wie aktuell, zeitgemäss. Ein Mensch, dem es einigermassen gut geht, dem nichts wichtiges fehlt und den auch nichts besonders quält, kann unter Umständen der Versuchung verfallen, sich nur mit sich selbst, seinen eigenen Problemen und Ängsten zu beschäftigen. Etwas ähnliches kann nach meiner Meinung auch ganzen Kulturen, Völkern und sogar Europa passieren, z. B. in der Form einer besessenen, ängstlichen Identitätssuche. Die Folge, bzw. die Strafe dafür ist auch in beiden Fällen ähnlich: ein Gefühl der Leere, Langeweile, ein Sinnverlust oder sogar innere Hoffnungslosigkeit. Auf dem Boden solcher Ängste, die leicht überkompensiert werden können, gedeihen dann verschiedene Massenideologien, die einen vermutlichen Sinn vortäuschen, letztendlich aber, wie wir alle so gut wissen, in eine um so tifere Enttäuschung münden.

Die erste These dieses bescheidenen Beitrags will also in Erinnerung bringen, dass Sinn jeweils nur ein Auftrag, eine kleine oder grosse Verpflichtung verleihen kann, nie eine blosse Anhäufung von Annehmlichkeiten. Den Begriff der Rolle will ich also im Sinne von Auftrag verstehen und über unsere gemeinsamen Verpflichtungen nachdenken, denn nur aus ernsthaften Bemühungen in solchen Aufgaben kann allmählich auch so etwas wie eine wirkliche “Identität” wachsen. Wer nach einer Identität sucht – nach einer persönlichen, kulturellen oder auch nach einer europäischen – kann diese unmöglich im Spiegel finden.

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich noch eine aufklärende Bemerkung zur Globalisierung oder Globalität einfügen. Es ist wohl eine unleugbare Tatsache, dass wir uns in einem einzigartigen Prozess befinden, der uns sowohl als Einzelne wie als ganze Gesellschaften erfasst und unsere Welt schnell verändert. Doch der französische Philosoph Jacques Derrida hat m.E. nach Recht, wenn er lieber über eine “Mondialisierung” spricht. Denn erstens ist es kein geographisches, sondern rein gesellschaftliches, kulturelles und menschliches Prozess. Und zweitens verläuft dieser Prozess keineswegs flächendeckend und gleichmässig, sodern erfasst einzelne kleinere oder grössere Gebiete, zwar über die ganze Erdoberfläche verstreut, doch aber in ihrer Lebesweise von ihren jeweiligen Umgebungen immer mehr entfernt. Es ist das Prozess eines ungeheuren Wachstums der städtischen, d.h. industriellen oder post-industriellen Lebensweise, der Urbanisierung, die sich zwar überall auf der Welt verbreitet, doch aber keineswegs alle Menschen in der gleichen Weise erfasst.

In den reichsten Gegenden der Welt, in (West-) Europa und in den USA hat sich diese “moderne” städtische Lebesweise fast flächendeckend entwickelt. Fast alle Menschen leben in einem kulturell tief veränderten Milieu, wo “Natur” nur in form von künstlichen Garten und Parken auftritt, wo Wanderwege und Pfade verschwinden und durch Autobahnen, Schnellverbvindungen und Internet ersetzt werden. Wo jeder Mensch mehr und wichtigere Kontakte über grosse Entfernungen hat und pflegt als in der unmittelbaren Nachbarschaft. Es ist eine Welt, die zwar Entfernungen auflöst, doch aber keine Nähe schafft, wie Heidegger mal treffend bemerkt hat.

In dieser urbanisierten und “mondialisierten” Welt leben zwar heute etwa zwei Drittel der Menschheit, ob nun in Reichtum ohnegleichen oder im Elend der Slums, doch aber immer mehr entfernt von dem Rest, der diese wunderbare, fremde und auch schreckliche neue Welt höchstens vom Fernsehen kennt. Es ist nach meiner Meinung diese Trennlinie und nicht diejenige verschidener “Kulturen” oder “Zivilisationen”, wo die grössten und gefährlichsten Spannungen der heutigen Welt enstehen: also nicht z.B. zwischen der westlichen “christlichen” Welt (die es seit langem nicht mehr ist) und “dem Islam”, der sich in Wirklichkeit hauptsächlich auf seinen “Heimatfronten” zur Wehr zu stellen versucht. Und zwar um so heftiger, je geringer es für sich eine echte Chance sieht. Am Benehmen z. B. der irakischen oder palästinensischer Terroristen kann man gut ablesen, dass sie nicht so sehr die Amerikaner, Israelis oder “die Westler” stören, sondern die Fahnenflucht der Einheimischen, die auch in einer sicheren und bequemen Welt leben möchten.

Dies ist – so scheint es mir – die grosse Herausforderung der heutigen “mondialisierten” Welt, wohl nur in seinen gröbsten Umrissen. Was folgt daraus für Europa? Wie kann und soll sie sich dazu stellen? Was hat sie in dieser einzigartigen Lage anzubieten? Fangen wir an mit einer Umschau.

An einem Globus oder auf einer Satellitenaufnahme fällt Europa auf als ein kleiner Zipfel des grössten Kontinents, als das wohl am reichsten gegliederte Gebiet, mit den meisten Halbinseln und Binnenmeeren, mit der grössten Küstenlänge im Vergleich zu seiner Fläche. Die Lebensbedingungen am Mittelmeer, wo Europa entstanden ist, haben ihre gesamte Kultur mit einem charakteristischen Zug ausgerüstet, den sie nie gänzlich aufgegeben hat: mit einem rührigen Interesse an seiner Umgebung, an den Anderen. Der französische Philosoph Rémi Brague glaubt, die eigentliche Grösse Eurpas in ihren besten Zeiten sei das Bewusstsein einer mangelnden Originalität, einer geistigen Abhängigkeit gewesen. Das beste, was Europa je geleistet hat, seien glückliche Ausleihen gewesen – von den Ägyptern, von den Juden, von den Griechen, von den Arabern.

Nun kann man wirklich in der ganzen europäischen Geschichte ein fast ständiges Interesse an dem jeweils anderen, eine Neugier ohnegleichen feststellen. Seit dem Werk des Hérodotos, der den Osten bereist und sorgfältig beschrieben hat, über die Kreuzfahrer und Reisende des Mittelalters, über Kolumbus und andere Entdecker, über Missionare und Forscher bis zu der Gründung neuzeitlicher Wissenschaft kann man eine seltsame Neugier verfolgen, die freilich diesen Anderen auch viel Unrecht angetan hat, doch nie aus bloss gierigen Motiven. Sogar in der kolonialen Expansion des 18. – 19. Jahrhunderts kann man diesen merkwürdigen Zug eines rein sachlichen Interesses finden, der z.B. die britische Kolonialverwaltung genötigt hat mehrmals die Statthalter in Indien zu wechseln, weil sie sich für die einheimische Kultur mehr interessierten als für den wirtschaftlichen Nutzen.

Im Gegensatz zu anderen Hochkulturen der Vergangenheit, die sich nach einer Eroberungsphase jeweils in sich selbst eingeschlossen haben und nur das Eigene pflegten, hat Europa eine Kultur der Offenheit bzw. allgemeinen Neugier ausgebildet, dessen auffälligste Frucht die Wissenschaft ist. Damit soll die europäische Vergangenheit keineswegs glorifiziert oder sogar die Verbrechen, z.B. der Kreuzzüge oder der Kolonialzeit, verneint werden. Doch soll man auch keineswegs vergessen, dass der heutige Prozess der “Mondialisierug” eine Folge der europäischen Vergangenheit ist, für den wir also auch unsere Verantwortung tragen. Die anderen dürfen die “Globalisierung” ablehnen, auf sie schimpfen, uns Europäern (und US-Amerikanern) fällt jedenfalls die unabdingbare Pflicht zu, mit ihr auch weiterhin etwas anzufangen. Den Prozess, den wir ins Gang geracht haben, sollen wir – wohl mit aller denkbaren Kritik am Vergangenen und Gegenwärtigen – doch weiterführen. Was bietet sich da an?

Neben anderen merkwürdigen Sachen, die unsere Vorfahren in Europa entwickelt haben, haben sie auch eine ganz einzigartige Form der Gesellschaft ausgedacht und durchgekämpft: eine Gesellschaft, die aus freien Individuen besteht. Diese lange und zeitweise auch blutige Geschichte kann ich hier nicht schildern, ich möchte nur darauf erinnern, dass diese Gesellschaftsform aus christlichen Motiven erwuchs: seit dem späten Mittelalter wurde den europäischen Christen  – besonders in den Städten – klar, dass sie unbedingt eine individuelle Freiheit brauchen, um für ihre Lebensführung dann auch vor Gott volle Verantwortung zu tragen. Diese Bemühung war einer der Hauptmotive der Reformation und dann auch der meisten Emanzipationsbewegungen, die bis heute unser öffentliches Leben prägen. Auch die Entkolonialisierung Nordamerikas und dann sonstiger Kolonien im 20. Jahrhundert fällt in diese Kategorie.

Eine gereifte Fassung dieser Emanziaptionstendenz fand ihren Ausdruck in den Meschenrechten. In der amerikanischen und dann französischer Deklaration wurde der Ernst der persönlichen, individuellen Freiheit so formuliert, dass diese den Vorrang vor allem anderen haben soll, sogar z.B. vor der Familie. Dass ein Recht des einen notwendig eine Verpflichtung eines anderen bedeutet, wude zwar zunächst noch empfunden, bald aber vollständig vergessen. Und so wurde diese Fassung der Menschenrechte, die jedem nur etwas verspricht und nichts von ihm verlangt, also ein gesellschaftliches perpetuum mobile bildet, 1948 sogar von den Vereinten Nationen angenommen, als eine Art Weltverfassung in spe.

Ich kann hier nicht erörtern, wie es dazu gekommen ist und welche Rolle dabei das schlechte Gewissen aller Europäer für die Weltkriege gespielt hat. Weltkriege, die nebenbei gesagt, gerade in dem Moment ausgebrochen sind, als sich Europa auf ihre eigene, einheimische Probleme konzentriert hat und ihre Weltrolle über Bord geworfen hatte. Es bleibt aber die Tatsache, dass jener ungeheuer grosszügige Text mit allen nur möglichen Versprechungen an “alle Menschen”, heute wohl die einzig denkbare Grundlage für eine friedliche Weltpolitik bildet. Unter dem Eindruck eben dieser Grosszügigkeit haben dann europäische Staaten begonen, einen Druck auf diejenige Regierungen auszuüben, die diese Menschenrechte nicht genügend bewahren und ihren Bürgern nicht gönnen. Wo die diplomatischen Mittel nicht geholfen, hat man dann später auch zur Gewalt gegriffen, um eben die Menschenrechte durchzusetzen.

Nun kam aber eine schreckliche Enttäuschung. Im Unterschid zu den ehemals kommunistischen Ländern, wo die Mehrheit der Bevölkerung die Menschenrechte zwar nicht ohne Bedenken, doch aber im grossen und ganzen angenommen hat, entstand in einigen – besonders muslimischen – Ländern ein heftiger Widerstand. Menschen, die sich gegen die Anerkennung ihrer individuellen Rechte sträuben! Wie ist das möglich?

Eine sachliche Debatte mit den Gegnern der Menschenrechte ist alles andere als einfach: die Meisten sind stark ideologisch ausgerichtet (ob nun marxistisch oder “fundamentalistisch”) und sprechen von voreingenommenen Standpunkten aus. Nach einer gewissen Einübung kann man aber trotzdem von ihnen etwas nützliches erfahren: nämlich dass diese individuellen Menschenrechte gar nicht so “natürlich” sind wie uns scheint. Nehmen wir das erste und wichtigste: das Recht auf Leben. Den berühmten Satz, “jeder hat Recht auf Leben” lesen wir Europäer gewöhnlich so, dass er mir ein “subjektives” Recht auf mein eigenes Leben garantiert. Stimmt das? Kann ein Todkranker gegen einen unbekannten Täter klagen, der dieses sein Recht verletzt? Habe ich wirklich ein solches Recht – und woher?

Als Christen oder Juden sollten wir doch auch wissen, dass mein Leben kein Recht, sondern eine Gabe der Schöpfung ist, wie es übrigens auch noch John Locke oder die Deklaration von Virginia ausdrücklich sagen. Haben wir das vergessen? Aber sogar aus einer rein säkularen Sicht ist es doch klar, dass ich mein Leben, die Welt ebenso wie meine Sprache und Kultur von anderen empfangen habe, und zwar keineswegs nur zum eigenen Verbrauch. Mein Leben selbst sowie fast alles, woraus und womit ich es menschlich führen kann, habe ich von meinen Vorfahren übernommen, und zwar als anvertraut und zu Weitergabe bestimmt. Weit entfernt davon, ein “Rechtsträger” zu sein, bin ich vielmehr für all dies verschuldet, mit einer “Schuld des Lebens” belastet, wie es manche alte Texte nennen.

So kann uns, wie ich glaube, der vielbeschworene “interkulturelle Dialog” doch eine wichtige Belehrung bringen. Das zitierte “Recht auf Leben” sollen wir künftig nur so lesen, dass “jeder”, d.h. alle anderen ein “Recht auf Leben” haben. Genauer gesagt, dass ich verpflichtet bin, keinem Anderen sein Leben zu nehmen. Und nur wenn viele in der Gesellschaft, ebenso wie der Staat, diese Überzeugung teilen, kann der Eindruck entstehen, dass auch ich mich vor den Anderen nicht um mein Leben zu fürchten habe, sondern mit ihnen friedlich zusammenleben kann. Ähnliches gilt nach meiner Meinung auch für die anderen Menschenrechte, die man nur jeweils zusammen mit den entsprechenden Verpflichtungen denken muss. Auf diese Weise sind nicht nur die klassischen individuellen Rechte, sowie auch die Gruppenrechte – und vielleicht auch z.B. die sonst kaum denkbaren “Rechte” der Tiere, die doch nur als Verpflichtungen der Menschen verwirklicht sein können: kein Hund kann vor Gericht klagen. Endlich sogar das, was für die Juristen zunächst als volkommener Unsinn klingt, obwohl es heute kaum eine Gesellschaft umgehen kann, nämlich dass auch die Natur uns nur anvertraut ist und auch unseren Nachfolgern als Basis ihres Lebens dienen soll, ist in dieser Perspektive ganz gut denkbar.

Damit komme ich nun zum Schluss. Ich will keineswegs behaupten, dass die ganze Botschaft Europas an die übrige Welt bloss die Menschenrechte sind. Ich habe sie nur als ein Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie und womit wir die Anderen überall auf dieser Welt ansprechen könnten um die Rolle Europas, unsere Verantwortung für den Fortgang der Geschichte ernst zu nehmen. Doch bin ich überzeugt, dass auch die Menschenrechte dabei eine wichtige Rolle spielen werden und dass die Auffassung, die ich hier so dürftig und brüchig vorgestellt habe, sich zu diesem Zweck viel besser eignet als die herkömmliche. Dass wir bei diesem Gespräch mit anderen Kulturkreisen, bei dem schwierigen Unternehmen unsere Verpflichtungen für das, was wir als Christen, als Europäer, als Menschen geerbt und bekommen haben, wahrzunehmen, auch noch manches zu lernen haben, versteht sich von selbst.  Und wer sich auf ein solches Unternehmen einlässt, braucht sicherlich weder um seine eigene Identität noch um den Sinn seines eigenen Lebens zu fürchten.

(Gemen in Westfalen, 1. 8. 2004)