Europa als Utopie und Aufgabe

Trotz aller Klagelieder ermüdeter Europäer ist Europa ein merkwürdiger Stück der Welt – und wird es auch in der Zukunft. Geographisch ein Zipfel  des riesigen asiatischen Kontinents – und zugleich ein Extrem kultureller Dichte. Gerade aus diesem Grunde ist politisch vereinigtes Europa kaum möglich. Trotzdem ist es den Römern einigermassen gelungen es zusammen zu bringen, ebenso den mittelalterlichen Kaisern. Eine Zeit lang wurden seine zerstörerischen Energien in die Kolonien abgelenkt, dann haben sich die „Mutterländer“ gegenseitig beinahe zerstört. 

Kant war der Erste, der eine Weltregierung als eine Utopische, immerhin unumgängliche Aufgabe gesehen hat – und Napoleon hat versucht es für Europa zu verwirklichen. Auf französisch, wie seine Karrikatur Hitler auf deutsch. Spätestens seit dieser Weltkatastrophe wissen wir, das es so nicht geht – und zugleich, dass es irgendwie gelingen muss. Sonst könte Europa explodieren wie ein überheizter Kessel.

Eine flüchtige Übersicht ihres Werdegangs soll seine Gegenwart beleuchten. Nach dem Schema von Aufforderung und Antwort werden Herausforderungen wie die sprachlich-kulturelle Mannigfaltigkeit und die Hartnäckigkeit, mit der wir an ihr beharren, analysiert. Den klaren Nachteilen und Hürden, die sie einer technischen Effizienz in den Weg stellen, werden (hypothetische) Vorteile gegenüber gestellt. Trotzdem bleibt Europa eine Quadraratur des Kreises – und folglich auch ein spannender Ort zum Leben.

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Im Leben sowohl einzelner Menschen, wie auch ganzer Kulturen tauchen von Zeit zu Zeit Perioden einer merkwürdigen Begeisterung und mutiger Entschlossenheit, die dann wieder oft in Zeiten tiefer Müdigkeit, ja sogar Resignation münden. Psychiater sprechen von Zyklothymie, Ökonomen von zyklischen Krisen und Historiker von politisch-kulturellen Aufbrüchen und Rezessionen. Mag sein, das es auch so sein muss. Unser Körper lebt in Rythmen des Atmens und Herzenschlags, von Systole und Diastole, von Tag und Nacht, von Sommer und Winter. Pathologisch würde es nur, wenn man im Frühling den kommenden Herbst vollständig vergisst, wenn man in der Nacht jede Erinnerung auf den gestrigen Tag und die Aussicht auf den nächsten Morgen aus den Augen verliert.

Die älteste griechische Weisheit in ihrem eingeborenen Skeptizismus warnte immer vor der unheilvollen Folge von koros – hybris – até, vom Wohlergehen, Hochmut und Fall, und sah darin eine gerechte Strafe des Schicksals an irren Menschen, die auf ihre Endlichkeit vergessen. Da sind wir heute vielleicht mehr geneigt, auch den anderen Zusammenhang zu sehen, nämlich die Nützlichkeit gesellschaftlicher  Rückschläge, die die Menschen wieder mobilisieren können. Hegel schrieb bekanntlich von einer „Arbeit des Negativen“ und der britische Historiker A. J. Toynbee von Herausforderung und Antwort (Challenge and Response). Es gilt also, die beiden Seiten gesellschftlichen Geschehens zusammen zu koppeln und nach Möglichkeit auch gegeneinender zu steuern.

Die kulturellen Rythmen verlaufen langsamer und folglich ist auch die Gefahr kollektiver Euphorien (bzw. Wahnsinns) und dann wieder Depressionen um so grösser. Das grosszügige europäische Projekt leidet heute wohl an den Folgen des ungezügelten Wachstums- und Fortschrittsglaubens der 60er und 70er Jahre. Wenn auch genz seriöse Leute nach 1989 über ein „Ende der Geschichte“ geschrieben haben, kein Wunder, dass sie sich heute geschlagen und sogar enttäuscht fühlen. Der Fall der berliner Mauer und der ganzen Sowjetunion im Jahre 1989 konnte damals als ein endgültiger Sieg, als ein Gipfel aller Erfolge der liberalen Demokratie gedeutet werden, nicht unähnlich der Begeisterung, mit der manche Politiker nach 1918 glaubten, damit seien alle Kriege auf immer erledigt.

Dabei war schon 1989 leicht einzusehen, dass der Fall des ganzen kommunistischen Systems zwar ein sehr glücklicher Ereigniss und für Millionen eine ungeheuere Erleichterung ist, dass es jedoch gerade dem Prozess europäischer Integration viel Wind aus den Segeln abnehmen wird. Nichts konnte nämlich jene Annäherung westeuropäischer Staaten wirksamer vorwärtstreiben, als die allen gemeinsame Angst vor dieser Bedrohung, vor diesem äusseren Feind. Und jetzt? Wie es der König Louis XIV. in einem alten französischen Film trefflich geäussert hat: „Der Feind hat uns verraten!“ Und wenn die imminente Gefahr so unerwartet verschwunden war, fingen viele zu glauben, mann könne sich jetzt auch viel mehr leisten, u. U. auch auf Kosten der Anderen.

Zugegeben, in Perioden allgemeiner Euphorie ist ein Schuss Skepsis immer wohl am Platze. Doch dies ist heute keineswegs der Fall. Wenn nach bloss zwei Jahrzehnten dieser „Hoch“ so rasch und vollständig in ein allgemeines Gejammer und Furchterregen umgekippt ist, scheint mir genauso ratsam, auf die andere Seite zu schlagen. Immerhin, für einen billigen Optimismus haben wir keine Gründe. Wir stecken in einem recht komplizierten Schlamasel, den wir jedoch zum grossen Teil selbst verursacht haben – und aus dem uns höchstwahrscheinlich auch kein anderer helfen kann.

Als Philosophen und Geisteswissenschaftler können wir – so scheint es mir – dreierlei Hilfe anbieten. Erstens den zeitlichen Horizont zu erweitern und damit auch die etwas hysterischen Ängste zu mildern. Wir sind nicht die Ersten und Einzigen, die in Schwierigkeiten geraten sind, und unsere Schwierigkeiten sind nicht die schlimmsten. Zweitens können wir unter unseren Mitbürgern etwas mehr Mut wecken, wenn wir aufzeigen, wie sich unsere Vorfahren aus ähnlicher und wohl schlimmerer Patsche geholfen haben. Ihre erfolgreichen Strategien können auch für heutige Entscheidungen im Allgemeinen eine Inspiration bieten.

Endlich möchte ich versuchen zu zeigen, was alles heute auf dem Spiel ist: dass Europa in ihrer Einzigartigkeit nicht nur um ihr eigenes Wohlstand kämpft, sondern dass ihre Erfahrungen und gesellschaftliche Errungenschaften brw. Fertigkeiten auch anderswo auf der Welt gut gebraucht werden können. Die hartnäckige Überzeugung unserer Vorfahren, das jeder Misserfolg oder sogar Katastrophe weder durch feindliche Kräfte, noch vom Schicksal verursacht worden ist, sondern durch eigene Verfehlung, Bosheit oder einfache Dummheit, bleibt auch heute der einzige Weg, wie Katastrophen vorzubeugen. Und noch konkreter, das europäische Modell der Einheit in Verschiedenheit wird auch sonst in dieser globalisierten Welt mit wachsender Aufmerksamkeit beobachtet, und zwar als eine grosse Hoffnung.

Voraussetzungen

Noch bevor ich mich in den Bereich des Diskutablen, d. h. Philosophischen und Politischen wage, möchte ich kurz zusammen fassen, was man über Europa als „harte“ Tatsachen wissen und sagen kann. Ein flüchtiger Blick auf den Globus zeigt Europa als den am meisten zerfransten Teil des Festlandes, als einen kleinen, doch sehr reich gegliederten Zipfel des eurasiatischen Kontinents. Nirgendwo anders findet man Festland mit so langen Küsten im Verhältnis zu seiner Fläche. Den östlichsten Teil von Europa ausgenommen, kein Ort ist mehr als ein Paar hundert Kilometer vom Meer entfernt. Auf anderen Kontinenten sind es Tausende. Dem entspricht auch die Mannigfaltigkeit der Landschaften, die vertikale Gliederung, das dichte Netz von Flüssen – allles irgendwie en miniature.

Ein Zweites, was auch seine kulturelle Besonderheit tief beeinflusst hat, ist das Mittelmeer. Ein echtes Meer, und doch einigermassen übersichtlich, mit günstig liegenden Inseln, nicht so unendlich und abschreckend wie die Ozeane. Ein Meer, das sich in sicherer Küstenfahrt umsegeln lässt, immerhin gross genug, um klimatisch und biologisch sehr verschiedene Küstenlandschaften zu verbinden. Gross genug, um die Beherrschung durch eine einzige politische Macht für lange Zeiten, eigentlich bis heute unmöglich zu machen.

Obwohl laut Ovidius das goldene Zeitalter gerde dann zu Ende kam, als Menschen „andere als die eigenen Küsten kennengelernt haben“,[1] fängt das Phänomen Europa erst damit an. Die ältesten Städte und Reichszentren im Nahen Osten lagen tief im Inland und noch die ersten Küstensiedlungen kehrten dem Meer eindeutig den Rücken, vielleicht aus Furcht vor den Seeräubern, den mysteriösen „Seevölkern“ des zwölften vorchristlichen Jahrhunderts. Es ist immerhin möglich, das es diese „Fremdvölker“ selbst gewesen sind, die sich an den östlichen Küsten sesshaft machten und zugleich den Meer für ihr eigentliches Element hielten.

Der Name Europa wird heute meist vom phoinikischem erob, Sonnenuntergang oder Dunkel abgeleitet und verrät damit seinen östlichen Ursprung. Das Wort wird im Griechischen zu Europe, und zwar bei Herodot, der mir ein ausgezeichneter Vorbild des Europäers zu sein scheint. In seinen Büchern über Europa verbindet Jan Patočka den Anfang Europas mit den Anfängen der Philosophie bei Sokrates, mit dem Verlass auf Vernunft, auf vernunftgesteuertes Gespräch und vernunftgemässes Handeln in der Politik. Da ist sicherlich etwas daran, mir scheint nur, dass es zu intellektualistisch – ja beinahe „eurozentrisch“ – klingt: Vernunft haben auch andere Kulturen entdeckt und ihre Eliten für politische Entscheidungen gebraucht, etwa in Indien und China.[2] Nur war es in der Frorm tradierter und bewährter Weisheit der Alten, die zwar wohl richtig als der sicherste Weg zur Aufrechterhaltung bestehender Verhältnisse galt, jedoch eben auch zu nichts mehr.

Erst unter den viel härteren Herausforderungen an den nordöstlichen Küsten des Mittelmeers, mit ärmerem Boden und mit einer Geographie, die keine wirksame Machkonzentrierung erlaubte und wo sich die kleinen und beweglichen „Völker“ dauerhaft gegenseitig bedrohten, konnte so etwas wie das „griechische Wunder“ enstehen. In den kleinen politischen Zentren des ersten vorchristlichen Jahrtausends – und grosse konnten hier nicht entstehen – war die Macht nie so Stabil und Fest, um eine perfekte Organisation durchsetzen zu können, und sie blieb ganz nahe an der Hand, so dass entschlossene Diktatoren und Tyranne auch ganz drastische Reformen durchführen konnten. Erst unter solchen Bedingungen der immer prekären Macht, die sich mit einer leichter Steuerung frei handelnder Menschen begnügen musste, ist Solon, die athenische Demokratie und Sokrates denkbar. Denn der sokratische Dialog und seine Zuflucht zur allgemeiner Vernunft als der letzten Autorität sind erst aus der dringenden Notwendigkeit erwachsen, mit ganz fremden Menschen zu verhandeln und sogar wichtige politische Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Dies ist in den früheren Gesellschaften mit ihren selbstverständlichen Stammes- bzw. Polis-Religionen, unbezweifelbaren Autoritäten und Loyalitäten keineswegs der Fall gewesen. Noch die offizielle Redaktion des homerischen Korpus unter dem Tyrannen Peisistrates (+527 v. Chr.) scheint mir ein Versuch, alle Athener an eine einzige – obwohl sehr abgeschwächte – Autorität zu binden. Nun hatten sich während der folgenden Jahrhunderte die reichen griechischen Städte wohl so sehr verändert, dass Homer und Hesiod schon vom Herakleitos (+460 v. Chr.) heftig kritisiert werden konnten und in der Zeit Sokrates (+399 v. Chr.) wurden alle ähnlichen Versuche überhaupt kaum denkbar.

Die Entstehung Europas

Schon unter Peisistrates fing Athen an, zu einer blühenden Fernhandelstadt zu werden, die ihr Reichtum eigentlich allen den Fremden und Fernen verdankt. Etwa hundert Jahre später taucht die Gestalt des Herodot auf (+424), der wohl als erster  den ganzen östlichen Mittelmeerraum persönlich umgereist hat, und zwar nicht als Kaufmann oder Diplomat, sondern als gewissenhafter Beobachter, als Forscher, als Wissenschafter. Er hat Ägypten, Anatolien, Babylonien, Südrussland und Italien bereist und seine genauen Beobachtungen über verschiedene Gesellschaften in ein grosses Werk niedergeschrieben. Sein Ziel war der Vergleich verschiedener Gesellschaften und Kulturen, ohne jeden praktischen Nutzen zu suchen. Als Ionier war er auch ein Patriot, doch die Vorzüge der griechischen Kultur und Verfassung sollten erst aus diesem unvoreingenommenem Vergleich, sozusagen objektiv hervorspringen.

Aus dieser disziplinierter, kultivierter Neugierigkeit mit der Fähigkeit von dem Eigenen Abstand zu nehmen ist Philosophie und kritische Wissenschaft erwachsen, eine der Säulen Europas. Zu ihrerer Ausübung braucht man – neben Musse, Offenheit und Mut – auch etwas mehr Freiheit, als es die traditionellen Grossreiche erlaubten. In den Bruchstücken der Vorsokratiker kann man verfolgen, wie die alte Weisheit mühsam zur Philosophie wird, und in Plato’s Gesetzen kann man sehen, wie auch der grösste der Philosophen aus der Verzweiflung nach dem Zerfall Athens sogar diesen ganzen Weg in Zweifel zieht. Magnesia darf nicht an der Küste liegen, seine Bewohner dürfen keinen Handel treiben und die wichtigste Schicht für die Stadt sollen seine Wächter sein. So zerbrechlich war sogar die beste athenische Staatsideologie, so bedenklich schienen ihre Erfolge.[3]

Spätestens an dieser Stelle müssen wir auch die andere Säule Europas – nämlich die jüdisch-christliche – erwähnen. Der an sich ganz unbedeutende Stamm armer Hirten und Landwirte aus den Bergen Judäas[4] hat sich dadurch zur weltgeschichtlicher Bedeutung durchgerungen, dass er auf seiner einzigartigen Botschaft durch alle Schläge des Schicksals beharren vermag. Es ist genau die Geschichte Abrahams, die eine der grössten Wenden in der Geschichte der Menschheit vorgezeichnet und klar ausgesprochen hat. Alle älteren Kulturen haben als ihr höchtes Ziel eine Aufrechterhaltung der bestehenden Organisation angesehen und als Mittel dazu die Festigung ihrer Strukturen und Institutionen. Abraham war der erste Mensch, dem eine glänzende Zukunft vom Gott versprochen wurde – und der auf diese unerhörte Hoffnung alles gesetzt hat. Und zwar mit solchem Nachdruck, dass sich ein sehr, sehr düner Faden seiner Nachfolger durch alle die schlimmsten Schicksäle seines Volkes behaupten konnte.

Wie alles lebendige lebt auch der Mensch immer aus einer elementaren Hoffnung, die sich in Kindern verkörpert und in der Familienreligion[5] wohl aller landwirtschaftlicher Kulturen sowie im Hinduismus zur höchsten Pflicht des Menschen wurde. Für Abraham ist zwar der Sohn als Erbe auch unbedingt notwendig, seine Hoffnung geht aber viel weiter und betrifft die Zukunft des ganzen Volkes, die alles Gewesene und Bestehende unvergleichlich übertrifft. Sie knüpft sich auf einen Eingriff des Schöpfers zu Ende aller Zeiten und bei den Propheten wird allmählich universalistisch. Diese Hoffnung wird dann einerseits individualisiert, andererseits im Christentum wirksam unter Menschen jedes möglichen Ursprungs verbreitet.

Dem hat das Römische Reich und sein langjähriger Friede wesentlich geholfen, bis dann in seiner Endphase seit Theodosius I. Christentum zur Staatsreligion wurde. Die Gründerrolle des alten Roms für Europa brauche ich nicht besonders hervorheben. Rom wollte nie Athen gleichkommen und hatte seine Schuld an Plato und andere offen bekundigt, hat jedoch seit Cicero ihre Gedanken in eine zwar vereinfachte, doch viel praktischere Form umgegossen. Keiner der römischen Denker lässt sich mit der athenischen Blüte vergleichen, man soll aber auch nicht vergessen, dass gegen knapp zwei Jahrhuderte jener Blüte in einer Stadt ein halbes Jahrtausend mehr oder weniger friedlichen Lebens auf einem uvergleichlich grösserem Gebiet steht. Der römische politische Stoizismus und sein Kind, das Recht, konnte nicht nur den Mittelmeerraum, sondern auch den ganzen Westen Europas pazifizieren und einer dauerhaften zivilisatorischen Wirkung unterziehen, dessen Spuren sieht man bis heute. Der rechtliche Status des civis wurde allmählich auf alle freien Menschen erweitert, von Ägypten und Palästina bis zu Hispania und Britannia, ohne ihre kulturellen Unterschiede übermässig zu unterdrücken.

Der Fall Roms wurde zwar durch eindringende Barbaren unmittelbar verursacht, war jedoch die Folge von inneren Schwächen. Etliche hat Max Weber tiefsinnig gefunden und erklärt, mir scheint jedoch, dass entscheidend der Rückzug der Eliten aus dem öffentlichen Leben, ihre Entfremdung dem Reich gegenüber war. Man sieht es schon an der demographischen Entwicklung, an dem wachsenden Unwillen in der Armee zu dienen und an der allgemeinen „Privatisierung“ ihres Lebens. Das Reich war nicht mehr ihre Angelegenheit, ihre Polis. Einerseits haben die Kaiser immer mehr Macht an sich, an ihre Behörden und Armee konzentriert,  andererseits haben es die städtischen Eliten oft mit Erleichterung hingenommen und ihre Verantwortung für die Stadt und für das Reich aufgegeben. In den letzten Jahrhunderten lag die Macht mehr und mehr in den Händen des Heeres, das sich zugleich immer mehr aus der Peripherie rekrutierte. Die Gründung von Konstantinopel hat diese Tendenz nur bestätigt: die Stadt Rom hat als poltisches Zentrum ausgedient.

Mittelalter

Die politische Organisation des Reichs zerfiel und bloss in wenigen der wichtigsten Städte lief sie weiter.[6] Nur die viel lockerere Verbindung der christlichen Kirche ist geblieben, auf die sich dann das viel ärmere und primitivere mittelalterliche Reich – ohne Fiscus, Armee und Infrastrukturen – stützen konnte. Seine Gründer waren Germanen ohne Bildung, denen zwei entfernte und unerreichbare Vorbilder vor den Augen schwebten. Einerseits die reiche und kultivierte Byzanz, wo dann die Kaiser oft ihre Kaiserinnen suchten, und das alte Rom, an dessen Ruinen die Päpste wohnten. Doch war es eine Neugründung auf grüner Wiese, mit Zentrum an der ehemaligen Peripherie, mit anderen Leuten und anderen Vorstellungen. Nur die Schriftsprache und die kirchlichen Institutionen verbanden die Gebildeten mit dieser fabelhaften Vergangenheit, und auch untereinander.

Die sehr primitiven Lebensbedingungen frühmittelalterlicher Bauer haben wichtige technische Neuheiten wesentlich verbessert: der Kumt, verbesserte Pflüge, die Dreifelderwirtschaft und neue Nutzpflanzen, durch das Netz der Klöster schnell verbreitet. Bessere Erträge haben höhere Bevölkerungsdichte ermöglicht, der Überschuss konnte vermarktet werden und dadurch ist auch zu einer Neubelebung der Städte gekommen. Die langsam entstehende politische Macht war stark genug, um einen wohl brüchigen Frieden zu gewährleisten, und zugleich so schwach, dass sie diese Entwicklungen nicht zu bremsen vermag. So gab es im ganzen Mittelalter eine spontane, obwohl u. U. auch kämpferische „Gewaltenteilung“ zwischen den lokalen (städtischen), kirchlichen und herrschaftlichen Institutionen, die der Entwicklung des Handels, des Rechts und im Laufe der Zeit auch bürgerlicher Freiheiten förderlich war. Hier darf man nicht die Rolle der Universitäten als mehr oder weniger unabhängiger Assoziationen mit reichen Kontakten quer durch Europa vergessen.

Mehrere Autoren haben gezeigt, wie sich diese einzigartige und mehr symbolische als materielle Gemeinschaft auch über die Grenzen des antiken römichen Reiches verbreiten konnte.[7] Kluge Herrscher bzw. Pretendenten in den „neuen“ Völkern haben begriffen, dass die Annahme des Christentums die sonst unüberwindlichen Stammesgrenzen[8] aufheben konnte und damit auch ihre Herrschaft zu festigen. Die Klöster halfen, auch wenig bewohnte Gegenden zu kolonisieren, und brachten die schon erwähnten Neuheiten und Gewerben mit ins Land. Kolonisten aus den überbevölkerten Gegenden heutigen Deutschlands oder Flanderns haben Städte gegründet und die Postion des Herrschers dem lokalen Adel gegenüber verstärkt, ebensowie seine Steuereinnahmen.

Von der „natürlichen“ Opposition zwischen „uns“ und „den Fremden“ – und d.h. zugleich Feinden – die unsere Sprachen noch verraten,[9] sind sie jedoch damit in eine ganz andere kulturelle Umwelt geraten, wo unter den Fremden jetzt unterschieden werden musste. Ihre ersten Botschafter waren Heilige und ihre Legenden, ebensowie auch die „Neuen“ unter den „Alten“ zunächst durch ihre Heiligen bekannt gewesen sind. Als Rom im hohen Mittelalter die Heiligennamen als einzige zulässige Taufnamen eingeführt hat, wurden die einheimischen und „programmatischen“ Namen, die in der jeweiligen Sprache einen klaren Sinn trugen, durch die Namen meist fremder und verstorbener Personen ersetzt.[10] Damit trug dann jeder einzelne Christ den Namen einer meist „fremden“ Person biblischen (d. h. israelischen), griechischen, italienischen usw. Ursprungs als seinen Taufpatron und Vorbild. Eine ähnliche Rolle spielte auch das Patrozinium der lokalen Kirche, sowie etwas später die Wallfahrtsorten – zugleich eine massenhafte Fortsetzung herodotischer Kuriosität.

Das religiöse Einheitsstreben des Mittelalters gipfelte in dem bedenklichen Aufschwung der Kreuzfahrten, die zwar zu keinem Erfolg führten, trotzdem eine wichtige Erweiterung des europäischen Horizonts bewirkten. Andererseit hat ihr Scheitern jene kollektive Form der Frömmigkeit unglaubwürdig gemacht und einer radikalen Verinnerlichung und Individualisierung der Religon die Bahn gebrochen. Der typische Stadtmensch, in seiner Lebensweise sowieso eher ein Individualist, suchte an erster Stelle den ewigen Heil seiner Seele, was ganze andere Formen der Frömkigkeit erforderte. Wachsender Reichtum und Bevölkerung der Städte hat den Gleichgewicht zwischen Adel und Herrscher zugunsten des letzteren geneigt und zugleich den Umkreis derjeniger, die in die öffentlichen Angelegenheiten sprechen wollten, sehr erweitert. Nicht nur in der städtischen Selbstverwaltung, sondern auch in den einzelnen Königreichen entstanden Parlamente, wo man nicht mehr auf lateinisch verhandelte.

Europa der Nationalstaaten

In den fortgeschrittensten Gegenden Europas haben die einheimischen („vernacularen“) Sprachen seit dem 11.-12. Jahrhundert mehr Selbstbewusstsein gewonnen, wurden zu Schriftsprachen und bald kamen auch die ersten Bibelübersetzungen. Im Westen ist es den Herrschern gelungen, ihre Königtümer straffer zu organisieren und zugleich sprachlich und kulturell zu homogenisieren.[11] Mit dem Humanismus haben sich die Gebildeten von der kirchlichen Obhut emanzipiert und nach kurzem Zögern auch vom Latein zur Nationalsprachen gewendet. Dante war der erste, der die politische Bedeutung der Sprache erkannte und selber an einem einheitlichen Italienisch arbeitete.[12] Durch die tiefe Krise des Papsttums wurde auch diese symbolische Stütze der kirchlichen Einheit geschwächt und der Weg zu starken Nationalstaaten freigemacht.

Diese Lockerung mittelalterlicher Bindungen hatte auch riesige menschliche Energien freigemacht und den typisch städtischen Geist freier Konkurrenz auch in die Kultur, Wissenschaft und letztendlich auch in die hohe Politik eingeführt. Die Rolle des Buchdrucks für Verbreitung der Bildung unter städtischer Bevölkerung lässt sich kaum überschätzen. Aus den jahrhudertelangen Kriegen und religiösen und bürgerlichen Konflikten taucht seit dem 16. Jahrhudert ein anderes Europa auf. Die Gewinner waren die Herrscher, die Städte und die Gebildeten, die Verlierer der Adel und die Kirche.[13] Nach den langen Wirren und verheerenden Bürgerkriegen hat sich die hellsichtige Meinung Machiavellis durchgesetzt[14] und Hobbes konnte die Staatsraison deutlich formulieren. Der Herrscher ist ein Souverain, den auch keine Gesetze binden, und seine Untertanen sind sich alle gleich. Für Frieden und Sicherheit, die er alleine garantiert, geben die Menschen alle ihre Prärogativen auf, womit sie seine Herrschaft auch de facto legitimieren.

In dieser Reineheit konnte sich dieser Konzept wohl nirgendwo durchsetzen und wurde schon seit dem 16. Jahrhundert verschiedenartig gemildert und kritisiert, zum Beispiel von Jean Bodin oder John Locke. Trotzdem sind überall ähnliche Staaten entstanden, mit zentralisierter Verwaltung durch bezahlte Beamte und Richter, die die Vermittlungsrolle des Adels ersetzten, mit Fiskus und Steuern, stehender Armee und später auch Polizei. In lutherischen Ländern sind auch die Kirchen jetzt national, während in den katholischen die Bindung zu Rom auch verschidenartig begrenzt wurde.

Trotz dieser politischen Spaltungen ist jedoch die gesellschftlich-kulturelle Zusammengehörigkeit Europas nie im Ernst zerbrochen. Man könnte es an der steigenden Geschwindigkeit ablesen, mit der sich wichtige Erfindungen quer durch Europa verbreitet haben.[15] Wir haben die Energien erwähnt, die die humanistische Lockerung freigemacht hat, darunter die Wendung zur Volkssprachen und das neu legitimierte Interesse an „weltlichen“ Sachen. Eine Erneuerung der antiken „kultivierten Neugier“ fängt schon im späten Mittelalter, doch sehr bald in anderen Kontexten. Spätestens seit dem 15. Jahrhudert treten neben das erhabene Studium antiker Texte auch nützliche Forschungen hinzu, zunächst durch den Fernhandel betrieben. Seit dem 11. Jahrhudert sollen die Venediger im Lebanon Rohrzuckerplantagen betreiben, 1415 haben die Portugiesen Ceuta besetzt und 1427 die Azoren. In den nächsten zwei Jahrhunderten wurde der Erdball umgesegelt, beschrieben und zum Handel genutzt, nicht nur an den Küsten. Nach Marco Polo kamen Missionare, und in ihren Fusstapfen Sprachwissenschaftler, Archäologen, Zoologen und Botaniker. Sogar die später staatlichen Kolonialunternehmen dienten nicht nur der z.T. schrecklichen Ausbeutung, sondern auch den Wissenschaften.[16]

Ein anderer Zweig dieser neuen Wissenschaft widmete sich der Erforschung von „Naturkräften“, zunächst mehr spekulativ, wie z. B. die Optik Roger Bacons, seit dem 15. Jahrhundert jedoch auch empirisch und mit einem praktischen Nutzen in Sicht. Nikolaus von Kues empfehlt als Methode kaufmännisches Wiegen und kumulatives, kollektives Vorgehen.[17] Die ersten italienischen Mechaniker, wie Leonardo und Tartaglia, sollten ihren Fürsten helfen, mit Kanonen genauer zu schiessen, holländische Geographen halfen den Seefahrern und Eroberern usw. So hat die neuzeitliche systematische Neugier ihren praktischen Nutzen entdeckt, laut Francis Bacon ihre Macht.

Die Emanzipationsbewegung

Das mittelalterliche Einheitsstreben, getrieben von der Idee der Christenheit, wurde seit dem 15. Jahrhundert faktisch aufgegeben und durch die Idee mächtiger und souveräner Staaten ersetzt. Doch Hand in Hand mit der frühneuzeitlichen Zentralisierung politischer Macht ensteht aus dem Humanismus auch eine gegenläufige Bewegung menschlicher Emanzipation. Sobald die Herrscher die einzelnen Bürgerkriege des 15. und 16. Jahrhunderts einigermassen bewältigt haben, wurden ihre absolutistischen Bestrebungen als Last gesehen und kritisiert. Menschen wie Bodin und Locke versuchen – bei aller Loyalität – die Herrscher zu Überzeugen, dass sie ihre Machtausübung selbst beschränken sollen, und zwar auch im eigenem Interesse. Denn der machiavellistische und hobbessche „Leviathan“ hat de facto schon auf jede religiöse Autorität „von Gottes Gnaden“ verzichtet, seine früheren Untertanen werden allmählich zu Bürgern und seine Machtausübung wird ausschliesslich durch seine Effizienz, d.h. seinen Erfolg legitimiert. Dieser aber hängt mehr und mehr von der Zufriedenheit der Bürger ab. Die Hinrichtung Jacobs II. (1649) und die republikanischen Versuche in England haben diese Veränderung empirisch bestätigt, ebesowie die unerhörte Neuheit, dass man auch ohne König leben kann.

Der echt revolutionäre Gedanke, dass der Staat keine Wesensnotwendigkeit ist, sondern bloss aus einem Gesellschaftsvertrag resultiert, ist zwar noch für Kant schier unannehmbar und Parlament eine „Absurdität“, doch wurde es seit 1776 in Nordamerika in vollem Umfang verwirklicht: „We the People…“. Zwar ganz am Rande und ohne viel Lärm und Blutvergiessen, jedoch mit einer feierlichen Deklaration der Menschenrechte. Nur ein Paar Jahre später geschieht etwas ähnliches in Frankreich, dem mächtigsten Königreich Europas. Die Hinrichtung von Louis XVI, und der nachfolgende Ausbruch der Gewalt haben nicht nur die Monarchen, sondern fast ganz Europa erschrocken, ganz besonders die liberalen Aufklärer.[18]

Doch war es nur ein – wohl etwas missglückter – Ausgang der Gedanken, die schon seit Dante und Pico della Mirandola in der humanistischen Literatur kursierten und die Souveränität des Menschen hervorgehoben haben. Als sich Vergilius vom Dante am Ende des „Fegefeuers“ verabschiedet, versichert er ihn, dass sein freier Wille gesund und recht ist und gibt ihm die Krone und Tiare, die volle Herrschaft über ihn selbst.[19] Dieses Programm der Emazipation galt damals wohl nur den Gebildeten, wurde jedoch im guten Einklang mit dem Emanzipationsstreben der Städte und ihrer Bürger. Sobald die Patrizier eine Selbstverwaltung erkämpften, brachen schon seit dem 14. Jahrhudert Konflikte mit Handwerkern und den niedrigeren Schichten aus, die um ihre Teilnahme an dieser Selbstverwaltung kämpften.

„Freiheiten“ wurden jedoch im Mittelalter als Privilegien begriffen, d. h. individuelle Ausnahmen aus der allgemeinen Regel, erteilt von dem Herrscher. Erst nach der schon erwähnten Umkehr der Herrschaftslogik konnte man sie als „natürliche Rechte“ verstehen, die jeder Einzelne von dem Schöpfer,[20] oder in der französischen Formulierung „von der Geburt“ schon immer innehat und die folglich auch unverzichtbar sind. Nach der Religionsfreiheit, die zunächst nur für die Adeligen galt, nach der sehr komplizierten Befreiung der Bauern, ging es um die Teilhabe an politischer Macht – oder anders formuliert, um die Definition des Bürgers. Dass es nur ein Mann sein kann, schien allen eine Selbstverständigkeit, bis tief in das 20. Jahrhundert. Als „frei“ galt seit der Antike nur derjenige, der in seinem Lebensunterhalt von keinem Anderen abhängig ist, und so ist es auch bis zu Ende des 19. Jahrhunderts gewesen.[21] Vielleicht noch wichtiger waren die kollektiven Emanzipationsbewegungen, z. B. der unterdrückten Völker und besonders der Arbeiter und Angestellten. Karl Marx hat eine ähnlich radikale Umkehr in der Logik der Wirtschaft durchgesetzt: es ist nicht der „Arbeitgeber“, der seinen Arbeitern „Brot gibt“, sondern es sind umgekehrt die Arbeiter, die ihm ihre Kräfte und ihren Schweiss geben, ohne an den Früchten ihrer Arbeit angemessen teilzunehmen.

Ein sehr folgenreicher Aspekt dieser gesellschaftlichen Revolutionen und Emanzipationen war ein gewisser Universalismus. So hat sich die Französische Revolution als eine allgemein menschliche Angelegenheit verstanden, die dann Napoleon quer durch Europa zu verbreiten versuchte. Nach einer ersten Welle der Begeisterung, besonders unter liberalen deutschen Gebildeten, ist er jedoch an einer ganz einfachen Tatsache gescheitert, die der aufklärerische Rationalismus gar nicht begreifen konnte. Obwohl Napoleon den anderen Europäern eine wirkliche Modernisierung brachte, geschah es eindeutig in französischem Gewand und Sprache, so dass er bald als ein Fremdherrscher wirkte. Dabei haben die europäischen Nationen seit dem späten Mittelalter einen Selbstbewusstsein erworben, den sie in keinem Fall aufgeben mochten. Wenn schon im späten Mittelalter das tote Latein als ein Hindernis nationaler Selbständigkeit angesehen worden ist, um so schärfer war es jetzt mit der Sprache und Kultur eines mächtigen Nachbars und Konkurrenten. Und die wichtige Erfindung der Revolution, die riesige Volksarmee, hat das Volk mit dem Staate so sehr vereinigt, dass künftig jeder Sieg und jede Niederlage als „unsere“ angenommen werden muss. Weiterhin geht es um Alles, es gibt kaum noch Platz für Verhandlungen und jeder Krieg muss bis zum bitteren Ende erkämpft werden.[22] Jedes Nachgeben oder Kompromiss wird nun als Hochverrat betrachtet.

Ähnlich ist auch der sozialistische Internationalismus am Anfang des ersten Weltkrieges an patriotischen Gefühlen gescheitert und die liberalistische Freiheit des Einzelnen an den konkurrierenden Emanzipationsbewegungen der Völker und Nationen. Doch konnte das 19. Jahrhundert die inneren Konflikte durch wachsende Wohlfahrt und sichtbaren Fortschritt noch wirksam mildern, während die Spannungen zwischen den souveränen Staaten seit dem 18. Jahrhundert in die Kolonien abgelenkt werden konnten. Die revolutionäre Verschmelzung des Volkes mit dem Staat, die Napoleon durch ganz Europa exportierte, konnte man jedoch nicht rückgängig machen. Erst jetzt haben die Deutschen – vorbereitet durch die einzigartige kulturelle Blüte um 1800 – ihre kollektive Möglichkeiten begriffen und in nationale Aspirationen umgegossen. Die Einigung Deutschlands – gewaltlos wie keine andere – fing in der Kultur an und hat sich in der Wirtschaft so kräftig durchgesetzt, dass die politische Einigung 1871 wie eine natürliche und notwendige Folge kam.

Als diese neue Grossmacht, dazu noch mit der entfesselten Dynamik der Gründerzeit, plötzlich aufgetaucht ist, wurde das viel beschworene und zerbrechliche Gleichgewicht in Europa zerstört. Der rücksichtslose Wettbewerb unter souveränen Nationalstaaten, wo sich jeder irgendwie beroht fühlte, musste zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs führen. Merkwürdig war bloss die Begeisterung, mit der sich auch einfache Leute an allen Seiten in dieses selbstmörderische Unternehmen geworfen haben, obwohl sie schon die Blutigkeit der vorhergehenden Kriege warnen dürfte.

Nach vier Jahren Zerstörung war der Krieg mehr durch Erschöpfung als Sieg zu Ende und Versailles war ein Frieden nur dem Namen nach. Neben Millionen von Toten, neuem Hass und Rachelust hat der Krieg die Gesellschaften tief verändert. Österreich als Restbestand des alten Reiches zerfiel und die nun emanzipierten Völker Ost-Mitteleuropas konnten sich als wohl einzige Gewinner fühlen. In der riesigen Mobilmachung aller Kräfte mussten auch Frauen in die Fabriken gehen und bald nach dem Krieg enstand ein neues Phänomen: die Arbeitslosigkeit. Kurzsichtige Politik der Westmächte gegen Deutschland hat eine Art passiven Widerstands hervorgerufen, der durch Inflation und Vertiefung wirtschaftlicher Probleme Hitler den Weg öffnete.

Der lange Weg zu Europa

Erst unter dem Eindruck dieser Katastrophen haben auch führende Staatsmänner in Westeuropa begriffen, dass Europa als ein Bündel souveräner Mächte nicht weiter bestehen kann. Der Gedanke eines politisch organisierten Europa hatte jedoch auch eine lange Geschichte. Als der politische Einfluss der Kirche im späten Mittelalter immer schwächer wurde, versuchte 1462 der böhmische König Georg von Podiebrad ihre universalistische Wirkung durch einen grosszügigen Föderations-Vetrag mit vielen gemeinsamen Einrichtungen zu ersetzen. Weil es jedoch direkt gegen den „Geist der Zeit“ lief, ist es kein Wunder, dass solche Beschränkung ihrer souveränen Macht für keinen der wichtigen politischen Spieler annehmbar war. Allgemeiner und vorsichtiger hat seine Sorgen um das unhaltbare rein kompetitive Nebeneinander europäischer Mächte Immanuel Kant geäussert. Eine Weltregierung als Garantie des ewigen Friedens schien ihm wohl undurchführbar, doch für einen verbindlichen föderativen Staatenbund mit fester Konstitution zu arbeiten sei eine Pflicht aller Menschen.[23]

Doch war auch seine Stimme in dieser Hinsicht so sehr im Gegenlauf zu den emanzipatorischen und revolutionären Hauptsrömungen seiner Zeit, dass sie keinen grossen Widerhall fanden: schon bei Hegel ist der Staat das höchste was man sich denken kann. Noch die napoleonischen Kriege wurden meist von der heroischen Seite her betrachtet und oft bewundert, nicht nur im Frankreich. Erst die steigenden Zahlen der Kriegsopfer, etwa ab 1866 und 1870 durch die sich schnell entwickelnde Waffentechnik bewirkt, haben auch die schreckliche und empörende Seite des Krieges gezeigt, doch wurden sie in der zeitgenössischen Literatur überraschend wenig reflektiert. Sogar das vierjährige Töten und Zerstören des Ersten Weltkriegs, das allen Teilnehmern kaum nennbaren Nutzen, dagegen unzählbare Verluste brachte, und zwar auch für die Zivilbevölkerung, hat eine Welle friedliebender Literatur hervorgerufen, doch  doch überraschend wenig ernsthafter Reflexion.

Nur im Österreich, das wohl am meisten verloren hat, fand sich der Graf Coudenhove, der unter all den Hass- und Rachegefühlen den Mut hatte, eine vernünftige und dauerhafte Lösung zu entwerfen: die Paneuropäische Union. Man kann heute die Kurzsichtigkeit kaum verstehen, mit der unsere Vorfahren den Ausgang des Krieges für dauerhaften Frieden halten konnten. Aus der Sicht eines heutigen Historikers ähnelt es mehr einer Atempause, in der die unbelehrbaren „Siegesmächte“ den geschlagenen Feind zu schwächen versuchten,[24] während das französische Volk einer veständlichen, immerhin gefährlichen Ermüdung unterlag.

Die gab es wohl in Deutschland auch, doch hat die Empörung die Oberhand gewonnen und einen ausserordentlich geschickten Sprecher und Führer gefunden, von dem sich ein grosser Teil der ganzen Gesellschaft in die nächste Katastrophe führen lies.[25] Aus den schon erwähnten Neuheiten – aus der hartnäckigen Logik des Nationalstaates, der keinem Gegner weichen darf, weil es dem Volk angeblich „um alles geht“, und aus dem riesigen technisch-organisatorischen Fortschritt – folgte auch seine totale Vernichtungswut „bis zum bitteren Ende“.

Auch der Zweite Weltkrieg hat niemandem einen Gewinn gebracht, hat jedoch die ganze Welt mobilisiert und die Machtverhältsnisse wesentlich verändert. Europa wurde „entthront“ und hat seine erste Stelle in der Welt endgültig verloren. Die früher führenden Mächte haben sich gegensetig beinahe vernichtet und ihre Kolonien verloren, durch den Judenmord und Flucht wurde das Kontinent menschlich und intellektuell geschwächt. Führende Rolle in der Weltpolitik ging an zwei neue Mächte über: an die USA und die UdSSR, ohne deren wesentliche Hilfe das Gespenst des Nazismus nicht ausgetrieben werden konnte. Die haben sich Europa geteilt und quer durch ihre Mitte den Eisernen Vorhang angelegt. Der wurde zwar von der UdSSR erbaut und ausgerüstet, doch von den westlichen Politikern mit einer gewissen Erleichterung hingenommen. Denn erst dadurch sind paradoxer Weise in dem westlichen Teil Europas günstige Bedingungen enstanden, um etwas ganz anderes als nach 1918 zu gründen; Evolutionsbiologen sprechen von Isolation als Bedingung einer Speziation.

Auch wenn der Ausmass an Zerstörung in jeder Hinsicht noch grösser als in 1918 war, wäre dies alleine noch nicht hinreichend. Europa wurde aber von ihren kolonialen und weltpolitischen Verwicklungen sowie von daher stammenden Spannungen „befreit“ – um mit Karl Marx zu sprechen – und konnte sich seiner selbst in diesem beschränkten Umfang widmen. Unter einer gut durchgedachten amerikanischen Federführung und sowohl materieller wie auch intellektueller Hilfe[26] wurde Deutschland von unten nach oben „auf die Beine gestellt“. Die Zerstörung hat für zwei Jahrzehnte eine Vollbeschäftigung und den „Wirtschaftswunder“ beigebracht, aber das Entscheidende waren gute Politiker. Diese haben – wohl auch erstmal in der Geschichte – aus dem Gefühl der gemeinsamen Niederlage und aus einer tiefen Beschämung gehandelt: wie etwas so ungeheures gerade im gebildeten und christlichen Europa geschehen konnte?

Die Gründung der EU

Wohl nur in einer so einzigartig geschlagener und zugleich hoffnungsvollen Lage konnten auch nationalstaatliche Politiker grosszügiger handeln und ihre vermeintliche Souveränität nüchterner sehen. Sie mussten nicht, um Wahlen zu gewinnen, damit Prahlen, sondern konnten einsehen, dass politische Souveränität eher ein Relikt alter Zeiten ist, dem die moderne Entwicklung einen grossen Teil seienes Inhalts abgenommen hat. Wirtschaft und Finanzwesen, Technik und Wissenschaft kennen heute keine faktischen Grenzen, ebenso wie die Umwelt oder Terrorismus. Wenn man diese unwiderstehlichen und vollständig entpersönlichten Weltkräfte überhaupt noch durch menschliche Vernunft und zum Wohl der Menschen einigermassen lenken zu vermögen, muss dies in viel grösseren Masstäben geschehen, als in dem jetzt lächerlich kleinen Rahmen europäischer Nationalstaaten.

Nun aber wollen die Menschen nicht unbedingt nur als Weltbürger leben, weil das eine unannehmbare Gleichschaltung an die Mächtigeren und Mächtigsten bedeuten würde. Man mag sich wohl auf die überall gleichen Jeans oder Pizza gewöhnen, auch wenn sie heute aus China kommen, möchte jedoch keineswegs auf englisch oder chinesisch sprechen. Deshalb hat schon der sonst so rationalistische Kant vor dem Gedanken einer Weltregierung gewarnt und dagegen einen damals noch kaum erprobten Föderalismus gefordert. Nach dem Scheitern des napoleonischen Versuchs, Europa „auf französisch“ zu modernisieren, und um so mehr des Versuchs Hitlers, allen das „Neue Europa“ auf deutsch aufzuzwingen, wissen wir alle, was wir um keinen Preis wollen. Gerade unter den Bedingungen der fortschreitenden Globalisierung brauchen und wollen wir unbedingt kleinere Gesellschaften, auf mehreren Ebenen, weil nur in einer solchen lassen sich gute menschliche Beziehungen mit Vertrauen bauen. Die eurpäische Erfahrung lernt darüber hinaus, dass in kleineren, doch nicht abgeschlossenen und vollständig isolierten Gesellschaften menschliche Kreativität am besten gedeiht.

Das haben die Begründer der europäischen Einheit genau begriffen und mit grosser Gewandtheit in politische Institutionen einverleibt. Die ausserordentlichen Bedingungen der ersten Jahre konnten jedoch nicht auf ewig bleiben und ihre Veränderungen haben den zerbrechlichen Gleichgewicht zwischen den blinden „globalisierenden“ Kräften und dem Willen nach Selbständigkeit und kultureller Verschiedenheit immer bedroht. Seit den 60er Jahren sind die grösseren Mitgliedstaaten aus diesen geschützten „Kinderjahren“ allmählich erwachsen und fingen an, ihre eigene Aussenpolitik zu entwickeln, was selbstverständlich auch zu Spannungen führte. Das Verhältnis zu USA und andererseits zum Osten war zu Debatte.

Dieser „Osten“ jenseits der Mauer hat sich nämlich anders entwickelt. Zerstörung war hier noch schlimmer und brutaler, als in dem Westen, und nach dem Krieg kam eine totalitäre Macht, die alle osteuropäischen Länder durch ihre Einheitsparteien mit eiserner Hand an sich gebunden hat. Statt Marshallplan hatte sie Reparationen genommen, nicht nur in Deutschland, und hatte eine Art geschlossener Kriegswirtschaft mit rigider Planung, starker Rüstungsindutrie und mit Lebensmittelkarten in jedem der Länder eingeführt. In Mitteleuropa, wo die Wirtschaft früher stark exportorientiert war, hat man diese Branchen unterdrückt und mit dem Druck auf Selbstgnügsamkeit die Unterschiede zu den ärmeren ostlichen Ländern langsam abgebaut. So wird die russische Herrschaft in diesen östlicheren Ländern immerhin  als einen Fortschritt, in den westlicheren eher als Verfall betrachtet – ein Unterschied, der bis heute dauert. Das ganze System hätte unter unveränderlichen äusseren Bedingungen – wie im 19. Jahrhundert – vielleicht fuknktionieren können, seit 1960 wurde jedoch seine Starrheit mehr und mehr als Hürde empfunden.

Der politische und kulturelle „Überbau“ wurde hier nach dem Krieg z. T. von ehrlichen Antifaschisten getragen, die glaubten, Kommunismus sei die wirksame Waffe gegen einen neuen Hitler, mehr und mehr jedoch von Karrieristen. Denn alle waren an sehr kurzer Leine gehalten und viele der „echten“ Kommunisten sind im Laufe der Zeit ins Konflikte geraten und „gesäubert“. So wie das Leben während des Krieges, waren auch die 50. Jahre in den einzelnen Länder recht verschieden. In meinem Lande wurde nach 1939 eine Schreckenherrschaft eingeführt, die Tschechen gingen jedoch nicht an die Front und als Arbeiter hatten meist erträgliche Lebensbedingungen. Nach der kurzen Pause ab 1945 haben die Kommunisten seit 1948 ein scharfes Regime eingestellt, mit hunderten von Hingerichteten und bis an etwa 150 Tausend „politischer“ Häftlinge, meist unnachgiebige Bauern und Intellektuelle. Mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten ab 1960 wurde das Regime milder, bis zu dem Höhepunkt des „Prager Frühlings“ und der Okupation im August 1968. Die Rache an den Reformisten war nicht so blutig wie in Ungarn nach 1956, immerhin sind an die 200 Tausend emigriert, meist junge qualifizierte Leute mit Kindern. Die zwei Jahrzehnte danach war eine graue Zeit ohne zu viel Gewalt, aber auch ohne Hoffnung. Der Gesellschaftsvertrag – wie in den anderen Ländern, vielleicht mit Ausnahme Polens – lautete: „Ihr kriegt zu essen, unser wird der Staat“.

So wie Gorbatschow haben auch anderswo jüngere kommunitischen Führungskader begriffen, dass es so nicht weiter geht und dass es sogar ihre eigenen Karrieren bedroht. Deshalb ist die Wende überall gewaltlos und mit grossem Jubel verlaufen, doch nicht von allen: unter den Verlierern waren die wenig qualifizierten und die Landwirte. Nach den ersten Erfolgen kamen bald die Schwierigkeiten, die doch zunächst gut ertragen wurden, unter anderem in der Hoffnung auf „Europa“. Der Fall der Mauer wurde zwar im Westen auch gefeiert, schlaue Politiker sahen aber schon die Gefahr: der östliche Feind ist weg und mit ihm auch die Angst, die die westlichen Länder wirksam zueinander druckte.

Auch Westeuropa war 1989 anders, als 30 Jahre früher. Es war immer schwieriger  den erreichten Wohlstand nur aufrecht zu erhalten – und trotzdem mussten Politiker sein immerwährendes Wachstum versprechen um gewählt zu werden. Viele „neue Länder“, obwohl mit Problemen belastet, traten in die EU ein und brachten neue Absatzmärkte und Gelegenheiten mit. Die gehassten Grenzen wurden gewagt abgeschafft und trotz vieler Ängste kam es zu keiner Katastrophe. Die ernsthaften Probleme sind woanders aufgetaucht: der Götze des Wachstums geriet in Schwanken und im sinkendem Wasser fand man verschiedene Knochenmänner, verschwiegene Schulden, verfälschte Buchführungen und Korruption.

Die EU heute

So sind wir endlich, nach dem langen Umweg durch die Geschichte, zu unserem hier und jetzt gekommen, über dessen Probleme wir schon so viel gehört haben, dass wir vielleicht  lieber über etwas ganz anderes, phantastisches und unerhörtes sprechen möchten. Trotzdem wage ich zu beteuern, dass es auf der ganzen Welt nichts interessanterer und spannenderer sein kann als die heutige EU – freilich vorausgesetzt, dass wir sie nicht bloss aus der Sicht der Tageszeitungen, sondern in der ganzen Tiefe ihrer kurvenreicher Geschichte sehen. Wir stehen da an einer Stelle, die unsere Vorfahren für kaum erreichbar hielten und trotzdem daran lange Jahrhuderte aus allen Kräften gedacht und gearbeitet haben.

Wir leben in einer Welt mit sieben Milliarden Menschen, wovon zwar viele hungern, immerhin aber im Durchschnitt viel länger und bequemer leben, als je ihre Vorfahren konnten. Und diese enorme Entwicklung ist zum grossen Teil europäischen Ursprungs. Auch wir Europäer leben länger, sicherer, bequemer und mit viel breiteren Möglichkeiten als je in der Vergangenheit. Im Laufe von sechs, sieben Jahrzehnten hat sich unser Kontinent nach dem schrecklichsten aller Kriege zu einer politischen Institution ohne gleichen entwickelt. Der halsbrecherische, utopische Versuch, eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft für fast eine halbe Milliarde Bürger aufzubauen, die sich in ihrer Mehrheit miteinander nicht einmal verständigen können, ist einigermassen gelungen. Wer hätte dies noch zu Zeiten meiner Kindheit vor siebzig Jahren für möglich gehalten?

Jawohl, der ungeduldige Leser hat Recht: wir haben unsere Probleme. Sie sind verschidener Ursprungs: die Einen hängen mit den schon erwähnten Veränderungen der ganzen Welt, mit seinem jähen Zusammenwachsen, andere wieder mit unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten zusammen. Noch bevor wir sie aber auch kurz zu erörtern versuchen, möchte ich auf eine wichtige und allgemeine Tatsache hinweisen. Paul Valéry hat kurz vor dem Kriege geschrieben, dass unsere Probleme darin wurzeln, dass die Zukunft nicht mehr das ist, was sie immer gewesen.[27] Das ist kein blosser Witz. Seit dem späten Mittelalter, seit den Anfängen des Humanismus haben die Europäer den biblischen Gedanken einer Zukuftshoffnung in eine irdische, „diesseitige“ umgegossen. Der Mensch ist sterblich, die Menschheit habe jedoch unendliche Horizonte vor sich, die dann in der Idee des allgemeinen Fortschritts konkretisiert wurden. Die Utilitaristen seit Hutcheson haben es sogar als Progamm des „gröstmöglichen Glücks für möglichst viele“ präzisiert. Aus diesen Gedanken haben unsere Vorgänger einerseits einen Ethos des Fortschritts und andererseits einen lezten Sinn ihrer Bemühungen geschöpft. Heute sind wir alle weitgehend emanzipiert, ohne jedoch eine Antwort auf die bittere Frage Nietzsches zu haben – nämlich frei wozu?

Etwas später kam dazu die Idee einer mehr oder weniger gesetzmässigen Entwicklung, erst menschlicher Gesellschaften bei Vico, Herder und Hegel, und dann der lebendigen Natur bei Buffon, Lamarck und Darwin. Sie wurde fast selbstverständlich als Wachstum und Vervollkomnung verstanden, bis jedoch Malthus daraus den brutalen Schluss gezogen hat, dass der Erde eine Überbevölkerung droht. Der Entwicklungsgedanke hat im Laufe des 19. Jahrhunderts alle Wissenschaften erobert, bis zu der Letzeten, nämlich Astronomie. Fast unbemerkt hatte man jedoch damit die uralte Vorstellung aufgegeben, der Kosmos sei ewig.[28] Als 1931 der belgische Physiker Lemaitre die Hypothese eines in der Zeit endlichen Universums veröffentlichte, hat kaum jemand reagiert. Erst viel später, als Physiker diese ungehörte Neuheit zur Kentniss nahmen, brach eine heftige Debatte, doch kaum 20 Jahre später wurde es zur „Mainstream“ und heute wird es in jeder Schule gelehrt. So schnell kann sich unsere Weltanschaung radikal verändern.

Dass unsere Erde eine Kugel – und das heisst per definitionem auch räumlich begrenzt – wissen gebildete Europäer seit Jahrtausenden. Trotzdem sind es kaum 50 Jahre, als daraus der natürliche Schluss gezogen worden ist, dass auch ihre Ressourcen und Kapazitäten nicht unendlich sein können. Auf den Schock, den es damals bewirkte, haben wir uns langsm gewöhnt, doch die allgemeine Stimmung, unser unausgesprochene Weltbild hat sich tief verändert. Die „unendlichen Horizonte“ noch der 60er Jahre scheinen uns heute recht naiv und unsere innere Lage lässt sich vielleicht nach dem aristotelischen Schema von Tugend als einer Höhe zwischen zwei Lasstern charakterisieren. Zwischen einer Verzweifelung über die beschränkten Möglichkeiten und einer Zynischen „na und?“ darüber suchen wir einen Sinn für uns, für Europa und für die Welt.

Der lange Weg bzw. Umweg durch die Geschichte sollte daran erinnern, dass wir auch hier nicht die Ersten sind, sondern auf jahrhundertelange Bemühungen und Erfahrungen anknüpfen. Ob wir es wollen oder nicht, sind wir heute nicht nur Erben und Verwalter dieser Welt, sondern auch die Träger des einzigartigen europäischen Strebens. Aus seinem geschichtlichen Verlauf lässt sich zwar kein eindeutiger Ziel ableiten, wie es z. B. Hegel und seine Nachfolger versuchten, doch – so scheint es mir – gewisse dauerhaften Tendenzen, die wir wohl kritisch weiterführen können. Dass ich hier den Bereich des einigermassen Wissbaren mehr und mehr verlasse und eigene Gedanken auf eigene Gefahr vorlege, gebe ich freilich zu.

Unter den grossen „europäischen“ Erfindungen möchte ich mit der Geschichtlichkeit anfangen. Die Welt, in der wir leben, ist nicht nur eine Kulisse unserer individuellen Schicksale, sondern zugleich ein Betätigungsfeld, wo wir auch unsere langzeitigen Ideen und Pläne zu vewirklichen versuchen. Zu diesem Zwecke haben unsere Vorfahren gelernt, immer grössere Menschenzahlen in Institutionen zu verbinden, die einerseits ihre Kräfte zu gemeinsamen Zielen organisieren und zugleich das schon mal erreichte zu bewahren versuchen. Die grossen Veränderungen, die wir heute mit dem nackten Auge beobachten können, sind kein bloss zufälliger Spiel blinder Kräfte, sondern mehr und mehr durch Menschen verursacht und d. h. auch zu verantworten und steuern. Trotz offenkundiger Gefahren und schrecklicher Missbräuche können wir diesen Weg nicht aufgeben, doch wirksam Korrigieren.

Die Fähigkeit immer grössere Massen zu organisieren versucht die europäische Tradition durch das Streben nach Freiheit und Autonomie zu korrigieren. Es sind nämlich immer einzelne Menschen, bzw. kleinere Gruppen und „Minderheiten“, die dem organisierten Streben neue Gedanken und Richtungen geliefert haben und andererseits seine Irrungen und Verfehlungen zeitlich erkennen und kritisieren vermochten. In diesem Streit zwischen organisierter Herrschaft und persönlicher Freiheit haben die Europäer unzählige gesellschaftliche Erfindungen erprobt und eingeführt, von einer demokratischen Verfassung, über Recht und Menschenrechte bis zu der vielstufigen Verwaltung, geldgesteuerter Wirtschaft und unabhängigen Gremien. Je komplizierter und perfektionierter sind jedoch all diese Schemen und Mechanismen, desto mehr brauchen sie dauerhafte menschliche Pflege und kritische Aufsicht, genauso wie jeder Mechanismus.

Aus der Idee individueller Freiheit ist auch jene der menschlichen Gleichheit erwachsen, die ebenso utopisch klingt, jedoch auch ein Grundstein europäischer Tradition ist. Zunächst auf die Gleichheit der Seelen vor Gott beschränkt, wurde sie in den sehr praktischen Institutionen der Bürgerrechte, allgemeiner Schulbildung, solidarischer Krankenpflege und sozialer Versicherungen erfolgreich verwirklicht und zur Zukunftträchtigkeit des europäischen Gesellschaftsmodells wesentlich beigetragen. Im Spannung mit der entgegengestzten Idee des individuellen Erfolgs in freiem Wettbewerb konnte sie zwar auch missbraucht werden, sollte jedoch unter keinen Umständen verloren gehen.

Gleich am Anfang habe ich die Wissenschaft als systematische und kultivierte Neugierigkeit erwähnt, seit ihren griechischen Anfängen auf der Hoffnung gegründet, die unendliche Manigfaltigkeit der Welt könne immer tiefer durchgeschaut und begriffen werden. Mit einer Lust und Durst nach nutzlosem Erkennen von allem, auch wenn es keinen Bezug zum praktischen Leben zu haben scheint (wie z. B. der Sternenhimmel), wird zwar jedes kleine Kind geboren. Doch erst nach seiner Kultivierung, z. B. dadurch, dass es belegt bzw. bewiesen und kritisch geprüft sein soll, und Systematisierung durch Weitergabe in Schriften und Schulen, konnte sie zu den auch praktischen Erfolgen führen, die wir alle heute geniessen. Doch gerade diese Erfolge drohen der Wissenschaft ihren Grund und Lebenskraft weg zu nehmen, wenn sie zu einem bloss technischen Instrument degenerieren sollte.

Was nun?

Ich habe nur einzige unter den m. E. wichtigsten Bestandteile des typisch „europäischen“ Geistes erwähnt, der zunächst von einer europäischen Minderheit in Nordamerika erfolgreich eingepflanzt und in der letzten Zeit in der ganzen Welt wenigstens nachgeahmt wird. Das kann uns Europäer freilich erfreuen, doch die Gefahr einer oberflächlichen Nachahmung dürfen wir nicht übersehen. Nicht so sehr deswegen, dass uns die neuen Weltmächte in verschiedenen Bereichen überholen können. Die Gefahr besteht eher darin, dass bei jener oberflächlichen Übernahme europäischer Institutionen ihre lebendigen Wurzel in Vergessenheit geraten können.

Gerade darin sehe ich die unersetzliche Rolle Europas in der heutigen Welt. Nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts haben es auch führende europäische Politiker so begriffen und auch folgerichtig – freilich in Rahmen des politisch Möglichen –  gehandelt. Unter günstigen Bedingungen haben sie ein einzigartiges politisches Gebilde gegründet, das das Motto „Einheit in Vielfalt“ praktisch vorzuführen versucht. Dass es ohne Spannungen und sogar Pannen nicht geht, wurde nach dem halben Jahrhundert glänzender Erfolge erst neulich klar. So hat sich der Euro – um nur ein Beispiel zu nennen –  als sehr wirksamer Instrument der Integration bewährt, der jedoch von Anfang an an dem mangelden Willen nationaler Politiker gelitten hat, ihre Souveränität begrenzen zu lassen. Es ist zwar heute klar, dass die gemeinsame Währung auch wesentlich mehr an gemeinsamer Politik verlangt, wäre aber damals mit solchen Forderungen überhaupt nicht zu verwirklichen. Ähnliches gilt für die Abwesenheit einer gemeinsamen Aussenpolitik usw. Leider sind die Politiker und auch ihre Wähler nach 65 Jahren Frieden geneigt, nur aktuelle Pannen zu löschen, meist auch nur im Horizonte ihrer Amtszeit. Weiter sollen sich wieder andere kümmern.

Trotzdem haben wir in der EU eine freiheitliche Staaatengemeinschaft, die zwar ziemlich locker, immerhin nicht bloss verträglich, sondern konstitutionell begründet ist. Der Grad ihrer Integrierung lässt sich grob an dem Steuersatz ablesen: knapp über 1 % GDP verglichen mit den 35 bis 50 % bei den einzelnen Mitgliedstaaten. Die politische Schwäche der EU hat – wenigstens in Friedenszeiten – auch einen grossen Vorteil: die kollektive Führung entspricht vielleicht der Kompliziertheit ihrer Aufgaben besser, als die vielleicht zu starke Einheit etwa der USA. Der amerikanische Präsident scheint heute als ein einfacher sterblicher deutlich überfordert.

Immerhin ist die EU – verglichen mit ihren Mitgliedstaaten – ein Spieler, der den Masstäben der sich globalisierender Welt eingemassen entspricht, obwohl er, wie schon erwähnt, in der Aussenpolitik kaum sichtbar ist. Im Inneren hat die EU die grosszügigen Erweiterungen letzter Zeit gut bewältigt und sogar die recht kühne Abschaffung der Grenzen ohne Katastrophe überstanden. Mit iherer beinahe pedantischen Korrektheit den einzelnen Nationen und Kulturen gegenüber versucht die EU der Vielfalt ihrer Mitglieder nicht nur genüge zu tun, sondern auch einen günstigen Rahmen für ihre Entwicklungen zu bilden. Das ist für unsere Überlegungen sehr wichtig.

Wie die geschichtliche Erfahrung zeigt, war diese Viefalt der Kulturen und Sprachen einerseits sehr produktiv. Man soll sich nur den Anteil der Grenzbewohner an den einzelnen nationalen Kulturen anschauen: etwa der Deutschen an der polnischen und tschechischen, der Schlesier an der deutschen, der Elsässer an der Französischen oder der Katalonier an der spanischen. Andererseits versucht jeder Staat innere Konflikte an seine Grenzen zu verschieben und dort auch eventuell mit Gewalt zu „lösen“. Dass diese Grenzen im heutigen Europa weithin mit den Sprachgrenzen zusammenfallen, verstärkt noch diese Gefahr. Wie es der Soziologe N. Luhmann trefflich definiert: die Gesellschaft sei nach ihm „das umfassende System aller Kommunikationen, in dessen Umwelt es keine Kommunikationen, sondern nur Ereignisse anderen Typs gibt.“[29]

Die so oft gepriesene kulturelle Vielfalt und ganz besonders die sprachliche ist nämlich an und für sich nur eine Barriere, die im allgemeinen eher stört und höchstens als „Isolation“ der Evolutionsbiologen einen Nutzen bringen kann. Ihre recht positive Wirkung ensteht nur dort, wo die verschidenen Kulturen und Subkulturen miteinender kommunizieren, d. h. diese Barriere zu überwinden versuchen. Weil er diese wichtige Unterscheidung nicht laut genug ausgesprochen hat, verlor der mal modische „Multikulturalismus“ viel an Überzeugungskraft. Die EU ist per definitionem ein Staatsgebilde, das zwar demokratisch sein will, und d. h. sich von dem Willen der Bürger leiten zu lassen, die jedoch in diem Falle der EU mehrheitlich unfähig sind miteinander überhaupt zu reden. Die Armee der Übersetzer im Strassburg und Brüssel zeugen davon und U. Eco hat geschrieben, die gemeinsame Sprache Europas sei die Übersetzung.

Wie jedoch viele von uns aus eigener Erfahrung wissen, ist die Übersetzung bloss eine Notlösung, wenn es anders nicht geht. Die viel bessere und traditionell bewährte Lösung ist die Mehrsprachigkeit. Deshalb scheint es mir, dass die Sorge um bessere Bedingungen gegenseitiger Kommunikation und Erkentnis zu den dringendsten Aufgaben der EU gehören. Programme für Jugendaustausch wie Erasmus oder Leonardo tun schon etwas, es ist jedoch sehr wenig. Eine durchdachte Strategie zur Förderung  der Mehrsprachigkeit wäre für die Zukunft der EU wichtiger, als manche der bestehenden Strategien.

Das wichtigste, was über die Zukunft Europas und der EU entscheiden wird, sind immerhin wir als ihre Bürger, genauer gesagt unsere Entschlossenheit und Begeisterung oder aber Ermüdung und Gleichgültigkeit, mit denen wir uns dieser riesigen Aufgabe annehmen – oder sie aber fallen lassen. Beides ist möglich. Nur soll man nicht aus den Augen verlieren, dass der ganze Reichtum europäischer Gedanken, Tatsachen und Institutionen sich heute mehr oder weniger in unseren Händen befindet, auf unsere Pflege und kritische Sorge angewiesen ist. Es ist freilich eine schwere Verantwortung all denen gegenüber, die dafür gewirkt, gearbeitet und gekämpft haben – ist aber auch eine grosse Gelegenheit unseren individuellen Leben einen besonderen Sinn zu geben.

(Uni Heidelberg, 2011)

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[1] „Nondum caesa suis, peregrinum ut viseret orbem / montibus in liquidas pinus descenderat undas /  nullaque mortales praeter sua litora norant.“ Ovid, Metamorphoseon I. 94 ff.

[2] Das sehr verbreitete Interesse an dieser skeptischen Weisheit mit ihrer Sehnsucht nach Ruhe und Stabilität ist für die heutigen reichen Gesellschaften wohl bezeichnend. Doch kann ich mich nicht der Verdacht erwehren, dass es in Wirklichkeit die ganze europäische Tradition aufzugeben möchte – ohne die Folgen zu bedenken.

[3] Es ist interessant, dass soweit wir wissen, der nüchternere Beobachter Aristoteles, wohl als metoikos auch nicht so sehr an das Schicksal Athens verbunden, diese Verzweiflung Platos nicht geteilt hat.

[4] Vgl. I. Finkelstein – N. A. Silbermann, The Bible unearthed. (Deutsch: Keine Posaunen vor Jericho. München: Beck 2002.)

[5] In der Religionswissenschaft wir meist der Spencersche Begriff „Manismus“ benutzt, der aber den Kern der Sache vermisst. Obwohl der Dienst hier zwar den Ahnen gilt, geht es in Wirklichkeit um die Nachkommen, um die Zukunft der Familie, des oikos bzw. domus. Dies ist besonders gut zu sehen an der scharfen Polemik der Avesta, die die kinderreiche Familie gegen den Ahnenkult ausspielt. Vgl. besonders Vendidad, Fargard 4 und als Kommentar Sad Dar 18.

[6] Die Tiefe des Falls für die Stadt kann man an der Bevölkerungszahlen messen. Die Höchstzahl 1,6 Millionen um das Jahr 100 – die erst gegen 1944 wieder erreicht wurde – fiel schon um 300 auf ein Drittel und gegen das Jahr 500 auf 50 Tausend. Den Tiefstand hatte sie nach der Pest im 1347 mit 17 Tausend erreicht. Ein Wachstum fing erst im 16. Jahrhundert an.

[7] Ich erwähne nur E. R. Curtius, J. Ortega y Gasset und besonders den amerikanischen Rechtshistoriker Harold J. Berman (Law and Revolution I. Deutsch: Recht und Revolution. Frankfurt: Suhrkamp 2009).

[8] Diese Grenzen hingen eng zusammen mit der schon erwähnten Stammesreligion: unsere Ahnen sind nicht die Eueren, sondern vielmehr ihre Feinde. Ähnlich hat auch der historisierende Romantismus der nationalen Wiedegeburtsbewegungen im 19. Jahrhundert gedacht und gehandelt. Nicht nur die „heidnischen“ Namen, wie Miroslav oder Siegfried, sondern sogar die Gottheiten (Freya) wurden als Vornamen wiederbelebt.

[9] In machen Sprachen bedeutet die Selbstbezeichnung des Volkes zugleich einfach „Mensch“. Sowie der griechische barbaros einen bedeutet, der statt vernünftig zu reden nur stammelt, kommt die slawische Bezeichnung „nemec“ von „němý“, d. h. der Stumme. Im Gegensatz zu der Selbsbezeichnung „slovan“ (vom „slovo“, das Wort, die Sprache) ursprünglich ein Name für alle „fremden“, wurde es später zur Bezeichnung für die Deutschen.

[10] Eine der ersten Zeichen des romantischen Nationalismus um 1800 ist die Wiedereinführung einheimischer Namen, zunächst unter den Gebildeten.

[11] Man kann fragen, ob es ein bewusster Ziel z. B. der Reconquista, der Albigenserkriege oder der Eroberung Wales, Irlands und Schottlands gewesen ist, jedenfalls ist es das bleibende Resultat.

[12] Dante, De volgari eloquentia, um 1306.

[13] Tocqueville zitiert eine alte Chronik, die den Fazit für französichen Adel so formuliert: „Weil sie zu viele Freiheiten haben wollten, haben sie alle verloren.“

[14] Paradoxerweise nur nicht in seiner Heimat, die bis zu 1870 eine seltsame Mosaik kleiner Despotien und Republiken blieb. Aber auch im ganzen Mitteleuropa verlief dieser Prozess viel langsamer und zögernder, obwohl in der gleichen Richtung

[15] Von den Klöstern verschiedener Orden über z. B. Universitäten und städtische Selbstverwaltung, verschiedene Baustile, Buchdruck oder Oper, bis zu den Banknoten und Tageszeitungen. Die Zeitspanne, in der eine Erfindung bis an die Peripherie gelangt, die sich heute in Wochen oder Monaten misst, betrug aber auch damals kaum mehr als 50 Jahre.

[16] Nicht nur der Ethnographie, sondern auch den Natur- und Sprachwissenschaften. Der „Entdecker“ der Avesta Anquetil-Duperron kam 1755 nach Indien als Soldat und einer der Begründer der westlichn Indoeuropäistik, Sir William Jones (1746-1794), war Richter am Obersten Gericht vom Bengalen.

[17] N. von Kues, Idiota de staticis experimentis. Um 1440.

[18] Wohl die schärfste Reaktion ist der Pamphlet Bentahms, „Anarchical Fallacies“, der jedoch erst 1816 und im Frankreich der Restauration veröffentlicht wurde.

[19] Dante, Göttliche Komedie. Fegefeuer 27, V. 139 ff.

[20] So in den Amerikanischen Deklarationen seit der Virginia Declaration (1776), wo sogar das mittelalterliche Recht wieder auftaucht, einem schlechten Herrscher den Gehorsam abzulehnen.

[21] Die ersten französischen Verfassungen schliessen Angestellte asudrücklich aus, einige auch die Analphabeten. Oft wurden auch Ordensleute und Juden als „fremden Autoritäten gahörig“ ausgeschlossen.

[22] Der Versuch Metternichs, mit dem Wiener Kongress zur altbewährten dynastischen Diplomatie zurück zu kehren, hatte nur kurzen Erfolg. Schon 1848 war alles anders, in Frankreich und überall in Europa.

[23] I. Kant, Die Metaphysik der Sitten, AA VI. 350f. u A.

[24] Wohl mit der Ausnahme Wilsons, der leider für die einzigartigen europäischen Verhältnise und historische Gegebenheiten zu wenig Verständnis hatte.

[25] Es wäre gefährlich, Hitler bloss als einen Wahnsinnigen abzutun. Dass es unter denen, die seinem Zauber nicht erlagen, viele Juden waren, und zwar auch solche, die sich noch 1914 bemüht haben, sehr loyale deutsche Bürger zu sein, dient iherer Vernunft sehr zu Ehren. Die unglaubliche Brutalität des Holocaust ist m. E. auch ein Hinweis, dass solche Vernünftigkeit, die sofrosyné der Alten, ähnlichen kollektiven Versuchungen wohl am besten widerstehen kann.

[26] Z. B. bei der Erneuerung der Verwaltung und der Verfassung, in der Justiz und Wissenschaft – und freilich auch in der Wirtschaft.

[27] Paul Valéry, Tel Quel.

[28] Für den Gedanken einer ewigen Welt ist u. a. Giordano Bruno verurteilt und verbrannt.

[29] N. Luhmann, Das Recht der Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp 1997. S. 55.