Multiple Identitäten – Einheit durch Vielfalt

Der Begriff der Identität hat in den letzten Jahren eine unglaubliche Karriere gemacht – ein eindeutiges Zeichen, dass hier etwas Not tut. Nach den Philosophen, Psychologen und Soziologen sprechen heute zunehmend auch Politiker z. B. über eine „europäische Identität“. Nun ist das Wort Identität[2] sehr, sehr vieldeutig – vielleicht deshalb auch so beliebt. Umso sorgfältiger sollen wir hier mit dem Begriff umgehen. An der einen Seite kann man von einer physischen oder sogar polizeilichen Identität eines Menschen reden, wie sie ein Reisepass oder Fingerabdrücke belegen. Von diesen wird hier wohl keine Rede sein.

Auch von den spezifischen Merkmalen einer Person, die ihr sozusagen lebenslänglich anhaften und ihr etwa durch Zufall, durch Konvention oder auch auf eine andere Art von außen her, von der Natur oder von der Gesellschaft zugeteilt worden sind – wie Geschlecht, Haarfarbe oder Name – wollen wir nicht sprechen. Das Gesicht, die Figur oder der Habitus, nach denen wir einen Bekannten erkennen, die ihn also auch „identifizieren“, d. h. zu demjenigen machen, der er wirklich ist, gehören nicht zu den Identitäten, die uns hier interessieren.

Uns wird bloß um diejenigen Identitäten gehen, die sich die Menschen entweder selber auswählen, oder wenigstens zu denen sie sich selber melden, die sie als eigene annehmen. Zu denen jeder von uns eine mehr oder weniger feste Beziehung hat, denen wir uns so oder so verbunden fühlen, die uns betreffen oder engagieren. Und noch etwas mehr: Ich kann zwar ein Fan einer Fußballmannschaft sein, Mitglied einer Universität, verschiedener Verbände und Gesellschaften und so weiter, trotzdem würden wir in solchen Fällen kaum von Identität sprechen, die also wahrscheinlich doch eine gewichtigere Bindung bezeichnet.

Es geht hier also um Identitäten, die uns zwar manchmal vom Schicksal zugespielt worden sind – wie Geburtsort oder Nation –  die wir aber insofern für etwas eigenes annehmen, dass sie nicht nur einen Teil unserer Person ausmachen, sondern uns sogar zu einem mehr oder weniger wesenhaften Wir verbinden. Diese Identitäten sind also notwendig etwas kollektives, was aber die Angehörigen nicht selbst schaffen, sondern woran sie bloß teilnehmen. Eine solche Teilnahme, auf griechisch methexis, ist einer der Lieblingsbegriffe Platos gewesen, der damit die Beziehung des Menschen zu Ideen beschrieb.

Nun muss zwar heute meine Zugehörigkeit zu „meiner“ Stadt, zu meiner Heimat oder zum Europa nicht unbedingt bedeuten, dass ich Prag, Böhmen oder Europa für platonische Ideen halte, doch ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung. Er macht mich nämlich darauf aufmerksam, dass das, womit ich mich identifiziere, nicht nur eine einfach feststellbare Tatsache ist, ein Faktum oder Gegebenheit, sondern zugleich auch ein Projekt oder Programm, etwas, was mich gewissermaßen leitet und von mir auch etwas verlangen kann. Meine Identität kann ich keineswegs im Spiegel finden, aber auch nicht bloß in der Geschichte.

Wie gesagt, stiftet jede Identifizierung ein mehr oder weniger dauerhaftes Wir, eine Gemeinschaft, die mich einschließt – und folglich auch notwendiger Weise jemanden anderen ausschließt. Anders gesagt, ist jedes Wir nur einem Ihr oder Sie gegenüber denkbar, jede Identität nur einer Andersheit oder sogar Fremdheit gegenüber. [3] Diese schlichte Tatsache muss an sich noch keine Xenophobie bedeuten, obwohl sie auch den rationalen Grund aller Chauvinismen bildet. So wie ich immer im Mittelpunkt meiner sinnlich wahrgenommenen Welt stehe und folglich immer „hier“ bin während du immer „dort“ bist, sind auch wir immer hier, während sie drüben, irgendwo anders sein müssen.

So bedeutet jede Identifizierung zugleich eine Teilung, eine Grenzziehung, eine de-finitio, und wo immer sich ein Wir bildet, entsteht damit auch ein Nicht-wir.[4] Diese Dialektik ist nicht nur eine logische, sondern hat auch eine wichtige praktische Seite. So wie jedes Wir auch eine mehr oder weniger feste, verlässliche Solidarität und Loyalität verlangt, bedeutet sein Gegenüber eine Abgrenzung und eine Opposition. Damit ist keineswegs gesagt, dass die Beziehungen zwichen uns und den Anderen etwa feindlich sein müssten, doch muss jede Feindschaft mit einer solchen Aufteilung beginnen.

Diese dialektische Beziehung zwischen uns und den anderen kann man auch innerhalb jeder menschlichen Gesellschaft finden, und zwar oft in unglaublich komplizierten Formen. Besonders die sogenannten „primitiven“ Gesellschaften kennen vielfältige Aufteilungen in Clans und Totems, in Moieties, in Altersgruppen, in Brüderschaften usw., die oft quer zueinender verlaufen und die verwandtschaftlichen Verhältnisse und Zugehörigkeiten für einen aussenstehenden vollkommen unübersichtlich machen.

In den modernen Gesellschaften spielt zwar Verwandschaft keine besonders grosse Rolle, trotzdem wird sich auch hier jeder Mensch mit verschiedenen Gruppen zugleich identifizieren wollen.  Die möglichen Identifikationen bzw. Zugehörigkeiten können stärker oder lockerer sein, jedenfalls wird es unter ihnen solche geben, die sich gegenseitig ausschliessen, und andere, die man ohne weiteres kombinieren kann. Diesen Tatbestand kann man auch so beschreiben, dass jene „Identitäten“ auf verschiedenen Ebenen stehen, wobei auf bestimmten Ebenen jeweils nur eine gewählt werden kann. So kann man normalerweise nur einer Kirche, einer – oder keiner – politischen Partei zugehören, während etwa die Mitgliedschaften in Verbänden usw. keinerlei Beschränkung unterliegen.

Es gibt also konkurrierende und nicht konkurrierende Identitäten, die man zwar nicht ganz beliebeig, trotzdem verschiedenartig kombinieren kann. Man darf aber nicht vergessen, dass Identitäten nicht bloss individuelle Meinungen sind, sondern wirkliche Kollektivitäten bilden: es genügt nicht sich zu einer Identität zu bekennen, sondern man braucht auch von den anderen Teilnehmern als solcher anerkannt und angenommen werden. Dazu haben in den alten, traditionellen Gesellschaften gemeinsame Feste und Feierlichkeiten gedient, wo man seine Zugehörigkeit einerseits bekennen, andererseits aber auch bestätigt bekommen konnte.

Identität und Sprache

Das Geflecht verschiedener Identitäten war also seit jeher ziemlich kompliziert und auch heute kompliziert bleibt. Doch spielt sich alles, was wir bisher besprochen haben, bloss im Rahmen einer einzigen Gesellschaft ab, die Niklas Luhmann definiert als „das umfassende System aller Kommunikationen, in dessen Umwelt es keine Kommunikationen, sondern nur Ereignisse anderen Typs gibt“.[5] So sind ganz besonders die heutigen Gesellschaften auf Kommunikation verwiesen, und das heisst auf die Sprache – auf eine bestimmte Sprache. Die Sprache ist bekanntlich nicht nur ein beliebig austauschbares Mittel der Kommunikation, sondern das Milieu, in dem jeder von uns erwachsen und erzogen worden ist.

Obwohl der Mensch als sprachlich plastisches Wesen auf die Welt kommt und auch während seines Lebens in ein anderes sprachliches Milieu wechseln kann, kann er nur in einer konkreten „Muttersprache“ zum Erwachsenen werden. Und so ist die Sprache ein sehr starkes Identifikationsmerkmal, dass alle Menschen für jeden von uns in zwei klar getrennte Klassen teilt: in diejenigen, mit denen ich mich verständigen kann – und in alle anderen. Es ist wichtig zu begreifen, dass diese Aufteilung eine durch und durch praktische ist und an sich noch keinerlei Chauvinismus usw. beinhaltet.[6] Es ist nicht meine Wahl, die jemanden zu einem Fremden macht, sondern seine (und meine) Sprache. Unsere slawischen Vorfahren haben sich selber „Slawen“ genannt – von „slovo“, das Wort – und die anderen „Nemci“, d. h. die stummen.[7] Erst später hat sich die Bedeutung des Wortes verschmälert, so dass es heute bloss die Deutschen bezeichnet.

Woher aber diese sprachliche bzw. kulturelle Vielfalt stammt? Jene an sich eher geheimnisvolle menschliche Tendenz zur kulturellen Differenzierung, die den unglaublichen Reichtum an Sprachen und Dialekten schuf, haben neulich Entwicklungswissenschaftler unter die Lupe genommen. Was kann der evolutionäre Vorteil dieser „kulturellen Pseudo-Spezies“ sein, wenn die biologischen Unterschiede unter den Menschen bekanntlich so gering, praktisch unmerklich sind? Die heute überwiegende Hypothese sagt, dass Menschen kleinere, übersichtliche Solidargemeinschaften brauchen, in denen das notwendige Niveau des gegenseitigen Vertrauens, wie es das tägliche Zusammenleben verlangt,  aufrechterhalten und auch gegen verschiedene Parasiten und Trittbretfahrer verteidigt werden kann.[8]

Die zivilisatorische Leistung europäischer Staaten seit dem späten Mittelalter bestand wesentlich in der Durchsetzung des Gewaltmonopols, in der Gewährleistung von „Landfrieden“ in grösseren Gebieten, die nicht mehr auf individuellem Vertrauen unter den Einzelnen, sondern auf einer wirksamen Zentralmacht beruht. Erst wenn der Herrscher und später der Staat jedem Einzelnen sowohl persönliche Sicherheit wie auch Eigentum verbürgte, konnten die Menschen auf ihre lokalen und verwandschaftlichen Solidaritäten verzichten und sich bloss auf eine mehr lockere Loyalität der Staatsbürger bzw. der Nation verlassen.[9]

Nun verlief aber parallel dazu ein anderer geschichtlicher Prozess, nämlich die Entstehung „nationaler Schriftsprachen“, die dann allmählich – dank dem Buchdruck, der Pflichtschule und den Medien – die verschiedenen Dialekte praktisch ausgemerzt hat und innerhalb der Nationalstaaten eine fast vollständige sprachliche Homogenität geschaffen hat. Dieser Prozess hat in den westlichen Staaten schon im Mittelalter begonnen und hat sich etwa in Frankreich, in England und in Spanien schon im 16. Jahrhundert weitgehend durchgesetzt.[10]

Erst etwas später hat sich gezeigt, dass diese sprachliche Homogenisierung der betroffenen Gesellschaften zugleich eine der notwendigen Bedingungen für die Modernisierung ist.[11] Wo der Herrscher seinen Willen den Untertanen direkt durch Erlässe und Gesetze mitteilen will, wo später die Regierungen dem Willen des Volkes – der Rousseauschen volonté générale – entgegen kommen wollen und wo letztlich eine öffentliche Meinung in mehr und mehr allgemeinen Wahlen über die Art des Regierens entscheiden sollte, überall war man auf eine allgemein verständliche Sprache angewiesen. Die res publicae, die öffentlichen Angelegenheiten der Gesellschaft, die Politik werden sich künftig notwendig im Bereich der gemeinsamen Sprache abspielen.[12]

Dieser gewaltige Prozess – der unter anderem auch zum Verfall aller „multinationalen“, d. h. mehrsprachigen Reiche führte – hat bekanntlich in Europa auf der Ebene der Nationalstaaten einen Halt gemacht. Der etwas bedenkliche Versuch Napoleons, Europa auf einer allgemeineren Basis zur Einheit zu bringen, sowie der noch viel bedenklichere Hitlers, sind mit vielen Opfern endgültig gescheitert. Die meisten Europäer haben es mit grosser Genugtuung und Erleichterung angenommen.

So wissen wir heute in Europa ganz bescheid, dass auch unsere politische Zukunft mit der bestehenden sprachlichen bzw. kulturellen Vielfalt rechnen muss. Darin besteht ein nicht zu vernachlässigender Unterschied den USA gegenüber, wo die sprachlich-kulturelle Homogenisierung – dank den besonderen Bedingungen eines Neulands – wesentlich weiter ging und einen riesigen „Nationalstaat“ geschaffen hat. Dieser Unterschied ist übrigens auch in den Staatsdevisen deutlich ausgedrückt: dem US-Amerikanischen E pluribus unum steht das Europäische In varietate concordia gegenüber.

Ob wir nun diesen Tatbestand eher begrüssen oder bereuen, die Aufgabe der europäischen Politik besteht darin, aus diesen Gegebenheiten das beste zu machen. Auf der einen Seite bringt die europäische Sprach- und Kulturvielfalt beträchtliche Nachteile mit sich: Europa kann kaum die gleiche Macht und wirtschaftliche Effizienz erreichen, weil sie mit vielen zusätzlichen Reibungen im praktischen Leben rechnen muss. Die sprachlichen und kulturellen Grenzen werden immer empfindliche Stellen bleiben, wo man mit Kommunikationsstörungen und u. U. sogar mit „Ereignissen anderen Typs“, d. h. mit Streitigkeiten, Spannungen und Gewaltigkeiten rechnen muss.

Auf der anderen Seite bietet diese „plurale“ Anordnung Europas auch wichtige Vorteile oder wenigstens Möglichkeiten und Chancen an.  Ich möchte nur einige erwähnen. Zunächst ist diese kulturelle Vielfalt – ähnlich wie die biologische Diversität – eine Schatzkammer verschiedener Erfahrungen und Fähigkeiten, die oft nicht unter einen Hut zu bringen sind, die aber u. U. von grösster Bedeutung für gesellschaftliche und politische Gesundheit unseres Kontinents sein könnten.  Dass wir auch in der Zukunft eine gewisse „kulturelle Immunität“ gefährlichen ideologischen Epidemien gegenüber brauchen werden, lässt sich vermuten.

Zweitens wächst jeder Europäer seit seiner Kindheit mit der fast selbstverständlichen Erfahrung auf, die Menschen seien verschieden. Dies lässt ihn nicht vergessen, dass die verschiedenen Kulturen, in denen jeder von uns zum Erwachsenen wurde, keine natürlichen Gegebenheiten sind, sondern von einer beständigen Pflege der gerade lebenden Generation abhängig sind. Die reichen Erbschaften europäischer Kulturen lassen nicht zu, dass wir unser Kontinent je als langweilig empfinden und keinem gebildeten Europäer kann es in desem Sinne an Aufgaben und Verpflichtungen fehlen. In Zeiten friedlichen Wohlstands und perfektionierter Funktionierung unserer Gesellschaften, wo sich viele Leute „unnütz“ und „überflüssig“ fühlen, eine nicht zu unterschätzende Tatsache.

Den Wert dieser Vielfalt wird man in Umbruchszeiten, wo sich die grossen Programme der Neuzeit erschöpft haben[13] und keiner so richtig weiss, wie es weiterhin gehen soll, mehr und mehr zu schätzen lernen. Dies alles freilich nur unter der Bedingung, dass aus der bunten Mosaik verschiedener Kulturen wenigstens ein Teppich entsteht. Oder anders gesagt, dass diese Kulturen, statt bloss nebeneinander zu bestehen, sich wirklich begegnen, kennenlernen und befruchten.

Endlich kann diese „lockere“ europäische Integration, weil sie wesentlich offen ist und bleiben muss, zum Modell einer friedlichen Politik auch für andere Gebiete der Welt werden, und zwar im Unterschied zu dem wohl einfacheren, aber auch beschränkterem Modell der USA, der einen viel grösseren Grad an Ähnlichkeit und Anpassung verlangt. Es ist übrigens erst abzuwarten, ob der bisherige „Schmelztiegel-Prinzip“ sich auch in den USA auf die Dauer durchsetzen kann.

Europäische Identität und die EU

Damit kann ich nun zum Schluss kommen und diese leider nur sehr flüchtigen und oberflächlichen Bemerkungen zu einigen mehr praktischen Hinweisen für die europäische Politik und Kultur zusammenfassen.

  1. Eine gewisse Verlegenheit, in die die europäische Integration heute geraten ist, braucht uns nicht sonderlich bekümmern. Aus dem oben gesagten folgt, dass die glänzenden Erfolge dieser Integration in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil durch die Angst vor dem gemeinsamen Feind – vor dem Kommunismus, bzw. vor der UdSSR – ermöglicht oder jedenfalls kräftig unterstützt worden sind. Kein Wunder, dass wir uns nach dem Verschwinden dieser Bedrohung nach neuen Wegen und Zielen umschauen müssen.
  2. Diese Bedenken sollten Europa keineswegs dazu verführen, sich nun einen neuen „Feind“ zu suchen oder sogar erfinden – sei es eine „Achse des Bösen“,  „der Islam“ oder noch schlimmer, die USA. Denn damit würde Europa einen wesentlichen Teil seiner Identität, nämlich seine grundsätzliche Offenheit verleugnen.
  3. Andererseits sollte die EU auch nicht ihre Andersheit preisgeben, also z. B. die USA nachzuahmen. Dies ist, meiner Meinung nach, die Schwäche der sog. „Lisbonner Strategie“ gewesen, die unsereinen an den alten Chruschtschow und sein „Nachholen und überholen“ erinnert.  Darin besteht weder die Stärke Europas, noch ihr eigener Auftrag
  4. Um aber ohne einen äusseren Feind dennoch sein Wesen, seine Identität zu behaupten, sollte sich die europäische Politik noch mehr der Pflege ihrer eigenen sprachlich-kulturellen Vielfalt widmen. Nach der grosszügigen Erweiterung des Jahres 2004 heisst es heute diesen politischen Schritt auch menschlich zu verdauen. Nicht nur Staaten, sondern auch Menschen zusammenbringen.
  5. Mit einer solchen Strategie könnte man auch besser als bisher die Ängste um die einzelenen nationalen Identitäten beruhigen, anders gesagt, die europäische Identität nicht als Konkurrenz zu der jeweiligen nationalen erscheinen lassen.
  6. Diese dringende Aufgabe führt direkt in die Bereiche der Bildung und der Kultur in breitestem Sinne des Wortes. Denn die bestehende Vielfalt muss erst verwertet, d. h. zusammen-, ins Kontakt und Austausch gebracht werden. Erst eine zielstrebige, nachhaltige und gut durchgedachte Unterstützung z. B. der Mehrsprachigkeit, der Übersetzungen, ein Austausch von Lehrern, von Studenten, von Künstlern und Wissenschaftlern können aus der europäischen Vielfalt einen richtigen Wert für die Zukunft machen.

 

(Europa-Konferenz Ludwigshafen, 22. 9. 2005)

                                                                                   


[1] Prof. Jan Sokol, Ph.D., Professor für philosophische Anthropologie und Dekan, Fakultät für Humanwissenschaften der Karlsuniversität Prag, U krize 8, CZ 15800 Praha 5. – sokol@fhs.cuni.cz.

[2] Das wort Identität, vom lateinischen idem und mittelalterlichem identitas, die Eigenschaft derselbe zu sein, erscheint in den modernen Sprachen erst in der Neuzeit, so im französischen seit dem 17. Jahrhundert.

[3] Im englischen wird zutreffend von in-group und out-group gesprochen.

[4] Wie übrigens die alte juristische Weisheit sagt, „omnis definitio exclusio“, jede Definition schliesst aus.

[5] N. Luhmann, Das Recht der Gesellschaft. Franfurt a. M., Suhrkamp 1997, S. 55.

[6] Menschen, die sich für Kosmopoliten erklären und jeder nationalen Zugehörigeit absagen, vergessen meist, dass auch diese Erklärung in einer bestimmten Sprache zu erfolgen hat.

[7] Ähnlich ist es mit dem onomatopoischen griechischen Begriff barbaros, der ursprünglich einen plappernden usw. bedeutete.

[8] Vgl. z. B. R. Dunbar et al. (eds.), The evolution of culture. Edinburgh 1999; P. J. Richerson – R. Boyd, Not by genes alone. How culture transformed human evolution. Chicago 2005.

[9] Zunächst wohl nur in den Städten. Mit dem Landfrieden im ganzen Staatsgebiet hat allmählich der Adel seine wichtigste Rolle verloren, was die ganze gesellschaftliche Ordnung gründlich verändert hat. Den Zeitgenossen war diese Veränderung so wichtig, dass die politischen Denker der frühen Neuzeit (Bodin, Hobbes usw.) dem Herrscher dafür eine fast unbeschränkte Vollmacht zugestanden haben.

[10] Ausführlicher dazu vgl. J. Sokol, Europa spricht. Sprachenvielfalt und Politik. In: Osteuropa, 5-6/2004, S. 276 – 283.

[11] Eine der besten Analysen der Moderne mit Berücksichtigung  europäischer Nationen und Staatssprachen bietet E. Gellner, Nations and Nationalism. Oxford 1988.

[12] Diesen notwendigen Zusammenhang zwischen Staatspolitik und Sprache hat als erster Dante Alighieri bemerkt und durchgedacht. Vgl. De volgari eloquentia, kurz nach 1300.

[13] Wie z. B. die nationalen und sozialen Emanzipationsbewegungen, der Kampf für Gleichberechtigung, für immer allgemeineres Wahlrecht usw. Schon viel früher hat Herder (Über das Wesen und Ursprung der menschlichen Sprache) die Vermutung geäussert, die Feier sei auch die wahrscheinlichste Gelegenheit für das Entstehen der menschlichen Sprache überhaupt gewesen, und diese Hypothese wird heute von vielen akzeptiert (z.B. Arnold Gehlen).

[4] Es ist wohl interessant, dass die Griechen diese zwei sorten von Addressaten z. B. in der Benennung der Opfer unterschieden (thyó und enagizó; Fustel :20). Vgl. Nilsson, Robertson-Smith u. A.

[5] Ex 20,2; Dt 5,6. Es ist bezeichnend, dass hier die Schöpfung nicht erwähnt wird.

[6] Und zwar wesentlich radikaler, als durch die Kompromisslösung der nahostlichen Pantheone. Vgl. Bottéro und besonders Fustel de Coulanges.

[7] De diligendo deo. Migne, PL t. 182:973 bis 984.

[8] Dieser Missbrauch ist wohl einer der Gründe, warum Religion in Europa der Neuzeit so viel an Glaubwürdigkeit verloren hat. In Nordamerika, wo dazu keine Gelegenheit war, ist Christentum stärker geblieben.