Freizeit als gesellschaftliches Risikofaktor

Prof. Jan Sokol, Ph.D., FHS UK. sokol@fhs.cuni.cz. Diese Arbeit wurde unterstützt vom Bildungsministerium der ČR, Projekt-No. MSM §§§

Freie Zeit ist einer der Träume des neuzeitlichen Menschen. Der Arbeiter, an seine Maschine gebunden, erwartet das Ende der Schicht wie Erlösung und freut sich nach Hause, wo er mit seiner Familie eine Weile für sich leben kann. Ähnlich haben es auch die Denker und Reformatoren des 19. Jahrhunderts gesehen und sogar Friedrich Engels bei allem Lob auf die Arbeit sieht sie letztendlich als eine Knechtschaft, von der sich der Mensch befreien muss. In der letzten Zeit kehrt jedoch die Lage irgendwie um. Der Soziologe Ulrich Beck (1995; 2000) macht darauf aufmerksam, dass in der nächsten Zukunft (bezahlte) Arbeit eher seltener wird und das es keineswegs nur eine gute Nachricht ist.

Arbeit, wie wir heute wissen, ist keine „anthropologische Konstante“, die den Meschen von Anfang an begleitet und sich sogar an seiner Vermenschlichung beteiligt hätte, wie die Klassiker glaubten. Die Sammler- und Jägergesellschaften widmeten der Beschaffung von – übrigens recht karger – Nahrung nur zwei, drei Stunden täglich und den Rest der Zeit wohl gesellschaftlichen Beziehungen, „der Pflege um das Fell“, wie ein Etologe sagen würde.? Seit der Entstehung sesshafter Landwirtschaft wurde jedoch die Arbeit zur wichtigsten Weise der Ernährung, eine zwar saisonhafte, immerhin aber ganztägliche Arbeit, mit der der Mensch kaum je fertig sein kann.? Aus dieser Bereitschaft bis zu Erschöpfung zu arbeiten, die bei einem Ladndwirt selbstverständlich ist, schöpfte der frühe Kapitalismus seine Dynamik, genauso wie heute der chinesische Sozialismus.

Sobald der Tag scharf und fest zwischen bezahlte „Arbeit“ ausserhalb des Hauses und „freie Zeit“ verteilt wird, wird dadurch beides verändert: die Arbeit ist nicht mehr das Leben und aus der freien Zeit ist sie verdrängt worden, verschwunden. An seinem Arbeitsplatz muss der Mensch arbeiten, und das bedeutet, dass er in Wirklichkeit nicht lebt, weil er seine Zeit dem Arbeitgeber verkauft. Diese Zeit gehört ihm nicht mehr. Dafür nach der Arbeit, am Feierabend, fängt er erst als ein Mensch zu leben, für sich und für seine Familie. Als die Arbeiter begannen wenigstens einige Regeln und Rechte vom Arbeitgeber zu erfordern, trat das Thema „Arbeitszeit“ in den Vordergrund. Im „Manchesterkapitalismus“ der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts belief sie sich bis auf 16 Stunden täglich – ähnlich wie im heutigen China – der Arbeiterbewegung und seinen Gewerkschaften ist es bis 1900 gelungen, diese bis auf 10 oder 12 Stunden zu senken, die Forderung achtstündiger Arbeitszeit hat sich jedoch erst nach dem ersten Weltkrieg allgemein durchgesetzt. Schon diese Verkürzung wurde hauptsächlich durch die fortschreitende Mechanisierung der Arbeit ermöglicht, der es zwar weniger gab, umso aber intensiver. Maschinen haben ihre Produktivität erhöht, zugleich aber dem Arbeiter (und besonders der Arbeiterin) keine Rast gegönnt.

Dass die achtstündige Arbeitszeit erst nach dem Krieg eingeführt wurde, ist kein Zufall. Die Kriegswirtschaft und die allgemeine Mobilmachung aller Reserven der Gesellschaft in dem ersten wirklich industriellen Krieg der Geschichte haben eine ausserordentliche Situation hervorgebracht, in der jede Hand gebraucht wurde. Dadurch wurde die massenhafte Beschäftigung der Frauen und wohl das erste Mal auch eine volle Beschäftigung bewirkt. Sobald aber der Krieg zu Ende war, war auch mit dieser Schluss und entstand ein neues Problem der Massengesellschaft, die Arbeitslosigkeit – die Kehrseite der Freizeit.? Arbeitslosigkeit hatte zwar schon seit der Hälfte des 19. Jahrhuderts die Fabrikarbeiter geplagt, jedoch auch die soziale Gesetzgebubg Biskmarcks und Lassalles haben mit ihr nicht gerechnet und noch in der Zwischenkriegszeit haben sich die Staaten bloss auf Zuschläge zur freiwilligen gewerkschaftlichen Versicherung für Arbeitslosigkeit beschränkt.? Auch in der fachlichen Literatur taucht sie erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf.

Eine „Vollbeschäftigung“ hat dann erst das zweite Weltkrieg wieder gebracht, bzw. in Deutschland seine Vorbereitungen, nach dem Kriege hat sich diese Lage freilich wiederholt. Einige Jahre gab es immer noch Arbeit genug für alle, ab der Hälfte der fünfziger Jahre nimmt sie immer ab. Die europäischen Staaten wollten aber auf die Vorstellung der Vollbeschäftigung nicht verzichten und versuchten das Problem durch Verkürzungen gesetzlicher Arbeitszeit lösen, d. h. mit Erweiterung der Freizeit. Neben dieser Verkürzungen haben auch die immer längere Vorbereitung und berufliche Ausbildung, gesetzlicher Urlaub, Alterspension und wachsende durchschnittliche Lebensdauer einen dramatischen Zuwachs an Freizeit bewirkt. Laut Schätzungen des französischen Soziologen Roger Sue (1994) verbringt ein gegenwärtiger Franzose nur noch etwa 15 % seines Lebens mit der Arbeit, während die Freizeit zur „dominanter Zeit“ unserer Epoche wird.?

Diese tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung, die zunächst wohl in den USA verlief, wurde gleich von der sogenannten Unterhaltungsindustrie ausgenutzt,  die sich zwar anfangs noch als ein Teil der Kultur und Erholung tarnen konnte, in Wirklichkeit aber eine vollständig neue Dienstleistung anbot: die Freizeit, mit der sich die Leute keinen Rat wussten, für billiges Geld unschädlich zu machen. In den letzten Jahren hat diese Industrie eine fast vollkommene Methode einer schmerzlosen Zeitvernichtung erfunden, wo die Bilder so schnell wechseln, dass jede Bemühung seitens der Zuschauer aussgeschlossen bleibt, einen Zusammenhang oder Sinn zu verfolgen. Folglich wird die Zeit ohne jede Mühe vernichtet, freilich auch spurlos. Tatsächlich stellen die Soziologen fest, dass die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit Schritt für Schritt mit der Verkürzung der Arbeitszeit wächst. Die Kritik des kulturellen bzw. künstlichen Niveaus des Fernsehens beruht also – wenigstens zum Teil – auf einem Missverständnis.

Die Unterhaltungsindustrie, eine der am schnellsten wachsenden Branchen unserer Zeit, kann zwar die Freizeit unschädlich machen und töten, kann aber nicht andere soziale Funktionen der Arbeit und der Beschäftigung ersetzen, mit denen unsere Gesellschaften trotzdem immer noch rechnen. Ein Beruf und eine Beschäftigung haben nämlich traditionell auch bestimmte gesellschaftliche Einordnung und die daraus resultierende Anerkennung besorgt und sie waren auch ein wichtiger Bestandteil persönlicher Identität, was so geläufige Familiennamen wie Müller, Schmied oder Schuster bezeugen. Besonders seit dem 19. Jahrhundert mit seinem Kultus der Arbeit als „Mutter des Fortschritts“ bietete sie auch einen bestimmten Lebenssinn an, der den verschwindenden religiösen Lebenssinn zum Teil ersetzen konnte.

Das gesammte „Volumen der disponiblen Arbeit“ wird dabei immer geringer durch den Teufelskreis wachsender Arbeitskosten, von den Gewerkschaften durchgesetzt, und der fortschreitenden Automatisierung (bzw. Verschiebung der Herstellung in ärmere Länder) als Antwort der Arbeitgeber auf den Druck globaler Märkte. Eine Stabilisierung ist nicht in der Sicht. Weil die sozialen Netze in den reichen Ländern einen bescheidenen Lebensunterhalt mehr oder weniger gewährleisten, tritt die Arbeitslosigkeit langsam als ein (unfreiwilliger) Teil der Freizeit hervor, der zwar meist keine direkte Bedrohung des Lebens, nicht desto weniger einen Ausschluss aus der Gesellschaft, eine Absage jeder Teilnahme an ihrer Funktionierung und Sinn bedeutet.

Es scheint, dass diese Tatsachen besonders die junge Generation plagen, einerseits deshalb, weil die Jungen auch die Arbeitslosigkeit öfter trifft, andererseits weil sie sich nicht so leicht mit einer blossen Vegetierung und Zeitverschwendung abfinden wollen. Die grosse Welle der Unruhen, die im Herbst 2005 in den pariser Vorstädten entstand und schnell alle anderen grösseren Städte Frankreichs erreichte, hat alle überrascht besonders dadurch, dass sie keine programmatischen Forderungen auch nicht vorgetäuscht hat und sich sorgfältig von allen ethnischen und religiösen Unruhen abgesondert hat. Ihre Täter waren keineswegs typische Menschen „am Rande der Gesellschaft“, sondern Jungs mit durchschnittlicher Bildung, erträglichem Lebensstandard, guter Kenntniss der Mehrheitssprache und auf den ersten Blick gut sozialisiert, die bloss ihren Unmut auf die Umgebung bzw. auf die ganze Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollten. Die Autos, die sie verbrannten, gehörten meist Leuten aus den gleichen Schichten, denen sie das Leben für lange Zeit erschwert haben – typisch den Müttern, die dann ihre Kinder per öffentliches Verkehr ins Kindergarten bringen mussten.

Ähnliche Resultate bringen auch genauere Forschungen des Milieus, woher die Täter terroristischer Anschläge in Londen und anderswo stammen. Auf den ersten Blick gut integrierte, angemessen gebildete Bürger, Nachkommen der Migranten in zweiter oder dritten Generation mit eher Mittelständischen Ambitionen. Was fehlt ihnen so schrecklich? Warum hassen sie ihre Umgebung, der sie in ihren ideologisierten Aussagen Dinge vorwerfen, die die zufälligen Passagiere eines londoner Busses eindeutig nicht verschuldet haben?

Ein Schlüssel wird vielleicht von den ethnologischen Forschungen besonders unter türkischen Einwanderern in Deutschland angeboten. Wenn sich der Traum der ersten Generation von rasch erworbenem Geld für den Bau eines Familienhauses daheim in Anatolien verschwimmt und die Männer umgekehrt ihre Frauen und Bräute von dort holen, befinden sich plötzlich alle in einer extrem wurzellosen Lage, die besonders ihre Kinder trifft. Die ernsthafte Redlichkeit und moralische Integrität eines anatolischen Landbewohners wird von der leichtsinnigen Unverbindlichkeit ihrer problematischen „Gastgeber“ immer mehr beleidigt, so dass ein Teil letztendlich bei dem rigiden Islam zuflucht sucht.? Nach den langjährigen Forschungen des berliner Ethnologen Werner Schiffauer (1987; 1991) sind diejenigen unter den von ihm untersuchten Immigranten, die zu „Fundamentalisten“ wurden, dies erst in Deutschland geworden.

Kehren wir aber zu den pariser Unruhen zurück. Die allgemeine Wut der Jugend ohne Wurzeln will sich nicht mit dem „Opium“ des Fernsehens beruhigen lassen.  Die Jungen sehen zugleich, dass die Aussicht auf eine reguläre Beschäftigung, für die sie erzogen und ausgebildet wurden, die ihnen als ob versprochen wurde, wahrscheinlich nicht erreichbar ist. Sie sehen, was die Mehrheit der Politiker verleugnet, nämlich das die Idee einer Vollbeschäftigung in Friedenszeiten höchstwahscheinlich eine Illusion ist. Dabei ist gerade eine gut bezahlte Arbeitsstelle der Hauptziel, oft der einzige gesellschaftlich anerkannte Ziel der Schulbildung, besonders der Hochschulbildung. Statt dessen erwartet diese jungen Leute jene Karikatur, jene Kehrseite der Freizeit, die ich schon erwähnt habe.?

Aus meinen Schuljahren erinnere ich mich auf eine verlockende Vorstellung des Lebens im Kommunismus, die wohl vom Friedrich Engels stammt. Sobald die Ausbeutung und die Arbeitsteilung abgeschafft werden, wird der freie Mensch nur freiwillig arbeiten, etwa am Vormittag, während er nachmittags vielleicht auf die Jagd gehen wird. Dem alten guten Engels ist gar nicht eingefallen, dass dieser „freie Mensch“ eventuell auch auf Menschen schiessen könnte, oder eine Höllenmaschine zusammenbasteln. Einer der ersten, die diese Probleme wohl geahnt haben, war Tomas Masaryk. In einer Parlamentsrede aus dem Jahre 1900, wo er für die achtstündige Arbeitszeit plädierte, sagt er unter anderem: „Je kürzer die tägliche Arbeitszeit, desto länger die Musse. Dann tritt das Problem auf, nicht wie möglichst viel zu leisten, sondern wie diese Musse am besten auszunutzen. Dies ist eigentlich das Hauptproblem. Wie zu arbeiten, weiss mehr oder weniger ein jeder bescheid; aber was soll er tun, wenn er nicht arbeitet? Alles gesellschaftliche Böse kommt aus der Musse heraus, aus der Unfähigkeit mit der Musse vernünftig umzugehen. (…) Die Mehrheit weiss nicht, was am Sonntag zu tun, wie die freie Zeit – wie man sagt – zu töten. Deshalb ist das Problem der achtstündigen Arbeitszeit ein äusserst wichtiges moralisch-gesellschaftliches Problem.“?

Dazu ist eigentlich auch heute nichts hinzufügen, wohl bloss ein Versuch, die praktischen Folgerungen ad usum scholarum zu skizzieren. Was folgt daraus für eine zeitgemässe Bildung und Schulbildung im besonderen? Es scheint mir zunächst, dass mit der Vorstellung einer Beschäftigung oder sogar eines dauerhaften Berufs als einer typischen Erfüllung und Sinngebung des Lebens sollen wir langsam Abschied nehmen. Zweitens, dass die freie Zeit, ob nun mehr oder weniger freiwillig, ist für jeden Menschen zwar eine Gelegenheit, eine Chance, falls er aber dafür nicht richtig vorbereitet ist, kann es zur Gefahr für die ganze Gesellschaft werden. Und daraus resultiert wohl drittens, dass die heutigen Gesellschaften ihre bisherigen Vorstellungen vom Ziel und Sinn der Bildung und der Erziehung neu bedenken sollen.

Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich auf ein Dictum, das wir auf Latein lernten: Non scholae sed vitae discimus. Das zwnzigste Jahrhundert glaubte dem gerecht zu werden, indem es unter „Leben“ die Beschäftigung verstand, einen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Was werden unsere Kinder am meisten dazu brauchen? Vor fünfzig Jahren dachten zielstrebige Eltern, ein solcher Schlüssel zum sicherem Erfolg sei Stenographie; dreissig Jahre später war es Programierung. Heute werden zwar verschiedene „Schlüsselkompetenzen“ angeführt, die Kinder jedoch fragen ihre Eltern weniger als damals, und ihr Ideal ist dann oft ein Sänger, eine Maneqine – kurz eine Zelebrität des Fernsehens.

Mir scheint, wir sollten die erwähnte Maxime in vollem Sinne rehabilitieren. Wir sollen fürs Leben erziehen und bilden, und das heisst für etwa 15 % Arbeit und 50 % freier Zeit,? aus der die Bildung eine echte scholé machen sollte, d. h. eine freie Zeit, die der Mensch selbst auszufüllen vermag. Freilich sollen wir versuchen, unsere Schüler und Studenten bestmöglich für einen Beruf auszustatten, am besten für eine ganze Klasse möglicher Berufe. Der erste Imperativ einer solchen Bildung werden aber nicht mehr Kenntnisse, und auch nicht die heute beliebten „Fähigkeiten“ oder „Kompetenzen“, sondern vor allem Interesse, Neugier oder sogar Begeisterung – eine Begeisterung für etwas.? Mit der kommen zwar die meisten Kinder in die Schule, das Schulsystem wird sie jedoch bald ernüchtern lassen. Ein blasierter Lehrer und ein pedantisches Schulbuch werden sie überzeugen, dass Neugier hat in der Schule nichts zu Tun – oder im besten Falle erst nachmittags, nach den Pflichtstunden.?

Die Notwendigkeit nicht nur für den Job auszubilden, sondern auch für die Freizeit, definiert neu auch die Bedeutung der Kultur im engen Sinne des Wortes, also aller „unnützen“ Tätigkeiten, die die Zeit wertvoll erfüllen können. Im Unterschied von der „Unterhaltung“, die die Zeit bloss tötet, kann Kultur sie aufwerten – besondedrs dann, wenn es sich nicht bloss um passives Zuschauen handelt. Übrigens sollte auch Musik, Gesang, Malen oder Theater aus jener sinnlosen Leistung- und Wettbewerborientierten Verständnis erwachen,  die bewirkt, dass es nur ganz wenige und perfekte Profis gibt, die es machen, und alle anderen lassen sich von ihnen bedienen. Der allgemeine Verfall des Geschmacks sowie der Kunst selber kommt unter anderem auch daher, das sie die Meisten als „Dienstleistungen“ sehen, statt in ihnen menschliche Möglichkeiten zu erkennen und sich folglich auch selbst darin zu versuchen. Auch ein mässiger Liebhaber – Dichter, Maler oder Schauspieler – steht der Kunst unvergleichlich näher als auch der bestgeschulte Konsument. Wie würde das professionelle Sport aussehen, sollten alle anderen von den Spielplätzen zu Bildschirmen fliehen?

Zum Schluss noch eine eher technische Bemerkung. Das Interesse zu pflegen bedeutet keineswegs, dass die Schule immer und ausschliesslich unterhaltsam sein könnte; in dieser Hinsicht kann sie unmöglich mit dem Fernsehen buhlen. Im Vergleich mit dem Fernsehen hat sie aber eine riesige Chance: in der Schule können junge leute die Freude über das erfahren, was sie selbst geleistet haben – sei es eine gelöste Aufgabe oder noch besser die Möglichkeit etwas in einer Fremdsprache zu lesen. Als Lehrer und Professoren sollten wir alle Kräfte und Fähigkeiten einsetzen, um unseren Schülern und Studenten das phantastische Gefühl eines auf Arbeit und Mühe gegründeten Erolgs erfahren zu lassen.? Wo auch immer es gelingt, ein Interesse für die Sache zu wecken und zu kultivieren, braucht man sich wegen Kenntnissen keine Sorgen machen; das Interesse verschafft sie sich von selbst. Und ein Mensch, der sich ein echtes Interesse erhalten hat – dasjenige, mit dem er mal in die Schule eingetreten ist – schafft es ebenso gut mit einer Beschäftigung als mit der freien Zeit, die für ihn nie zu einem Gespenst, zu einer erschreckenden Leere wird.

Literatur:

Beck, Ulrich 1995: Perspektiven einer kulturellen Evolution der Arbeit. In: ders., Die feindlose Demokratie. Stuttgart.
Beck, Ulrich (hsg.) 2000: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Frankfurt a/M.
Eibl-Eibesfeld, Irenaeus 1997: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Weyarn.
OEND: Ottův slovník naučný nové doby. (Ottos neue Enzyklopädie, 1930 – 41, CD-ROM: Zlín 2003)
OEOV: Ottův slovník naučný. (Ottos Enzyklopädie, 1898 – 1912, CD-ROM: Zlín 2003)
Pascal, Blaise: Pensées, éd. Brunschwicg. Paris.
Petrusek, Miloslav 2003: Malé dějiny volného času. (Kleine Geschichte der Freizeit) In: Přítomnost 1:51 – 53. Praha.
Schiffauer, Werner 1987: Die Bauern von Subay. Stuttgart.
Schiffauer, Werner 1991: Die Migranten aus Subay. Stuttgart.
Sokol, Jan 2002: Filosofická antropologie. (Philosophische Anthropologie. Der Mensch als Person) Praha.
Sokol, Jan 2004: Má škola šanci? (Hat die Schule eine Chance?) In: Výchova – téma k přemýšlení. Praha, str. 75-78.
Sokol, Jan 2006: Die dreifache Verantwortung der Universität. In: R. Gepp (Hsg.), Bildung zwischen Luxus und Notwendigkeit. Wien, S. 21-27.
Sue, Roger 1994: Temps et ordre social. Paris.

 

1. Vgl. z. B. Eibl-Eibesfeld 1997.

2. Ausführlicher in Sokol 2002.

3. „Unerwünschte Freizeit“, schreibt B. Foustka, Art. „Arbeiterfrage“ in Ottos Enzyklopädie, (OEOV, 1906).

4. Vgl. OEOV und OEND, Art. „Arbeiterfrage“ und „Sozialpolitik“.

5. Sein Vergleich mit der Lage um 1850 ist jedoch nicht ganz überzeugend. Sien Hauptfaktor, die Verlängerung der durchschnittlichen Lebenslänge, ist in Wirklichkeit durch die Sterberate der Säuglinge verzerrt, er nimmt weder die Feiertage, noch den saisonalen Charakter der landwirtschaftlichen Arbeit in Betracht usw.

6. Auf die Frage eines Spiegel-Redakteurs, ob er sich als Europäer in kulturellem Sinne fühlt, antwortet ein junger Türke: „Sie meinen halb nackt auf der Strasse herumzulaufen, die Frau vernachlässigen und abends ein Porno im Fernsehen anzuschauen?“

7. Unter Philosophen hat diese Falle der Leere als erster Blaise Pacal bemerkt: „Am schlimmsten erträgt der Mensch völlige Ruhe ohne Leidenschaften, ohne Besorgen und ohne sich gültig machen. Dort fühlt er nämlich erst seine Nichtigkeit, Verlassenheit, Unzulänglichkeit, Abhängigkeit, Ohnmacht und Leere.“ (Pensées, Fr. 131) – „Unsere Natur braucht bewegung: vollkommene Ruhe, das ist der Tod.“ (Ebenda, Fr. 129)

8. Zit. nach Petrusek 2003. Dort auch andere Zeugnisse hellsichtiger Leute und eine merkwürdige Analyse, wie sich die totalitären Regime um die Freizeit ihrer Untertanen kümmerten.

9. 35 % der Lebenszeit werden dem Schlaf zugeschrieben, derjenigen fabelhaften Erfindung der Natur, die allen ideologischen Fallen trotzt und keine besondere Bildung verlangt.

10. Für den Fall, dieser Text sollte einem Studenten in die Hände fallen, muss ich sicherheitshalber hinzufügen, jedes Interesse verlange freilich auch bestimmte Kentnisse und Fähigkeiten, z. B. sprachlichen, die man auf jeden Fall hart erlernen muss.

11. Es wäre nicht redlich die Tatsache zu verschweigen, dass vielleicht die Mehrheit von uns von einer Ausnahme unter den Lehrern für ihre fachlichen Karrieren mal begeistert worden ist. Eine Ausnahme, auf die wir uns bis heute gut erinnern, sowie auf die erste Frau Lehrerin. Hätte diese nicht gegeben, wer weiss, was aus uns gewesen wäre.

12. Ausführlicher s. Sokol 2004 und im Bezug auf universitäre Bildung Sokol 2006.