Europäische Identität als Auftrag

Nach der mehr technischen Panne mit dem Verfassungsvertrag fangen jetzt viele begeisterten Europäer an, sich ernsthaftere Gedanken über die Zukunft des politischen Europa zu machen. Und es ist auch gut so: es ist keine bloss technische Frage, wie unser Europa auszusehen soll. Nach all den glänzenden Erfolgen der letzten fünfzig Jahre, die freilich auch unter dem Druck vom Osten, der gemeinsamen Furcht vor der Bedrohung durch Sowjetunion und den Kommunismus gelungen sind, braucht jetzt Europa offensichtlich neue Gedanken und neue, oder vielleicht alt-neue Ziele. Der Impuls des schrecklichen Krieges, das begeisterte „nie wieder“ der ersten Nachkriegsjahre ist vorbei, und auch der wirtschaftliche Wachstum, der eigentliche Glaube unserer Zeit, langsam verblasst.

Aus den verunglückten Referenden sollen wir lernen, dass die Losung „Europa“ wohl etwas von seiner magischen Anziehungskraft verloren hat. Es wirkt nicht mehr als ein endgültiges Argument, sondern braucht selbst überzeugende Argumente. Obwohl wir nicht nur meinen, sondern aus schrecklichen Erfahrungen bescheid wissen, dass für einen freien Spiel unbegrenzter Souveränitäten Europa zu klein ist, dass es von seinem bunten Wesen her zu viele Spannungen enthält – und dass die Macht moderner Staaten zu ungeheuer ist, um Experimente mit Konflikten zu erlauben – haben wir damit zu rechnen, dass der europäische Gedanke künftig wesentlich mehr zielbewusster Pflege brauchen wird als vorher.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren haben dies schon manche Europäer begriffen und suchen einen Weg. Auf die wichtige Frage, was uns als Europäer verbindet und was uns auch in der Zukunft näher zueinender bringen könnte, hat man als Antwort ein Zauberwort gefunden: man spricht immer öfter von einer europäischen Identität.[2] Das klingt sehr einfach und elegant, bloß eine der ersten Pflichten der Intellektuellen ist bei allen wichtigen Dingen um begriffliche Klarheit zu sorgen, soweit es überhaupt möglich ist.

Im gewöhnlichen Gespräch ist gegen die Metapher der „Identität“ nichts einzuwenden und man versteht, was sie ausdrücken soll. Sobald man aber über die Sache selbst etwas genauer nachzudenken versucht, lenkt der Begriff Identität die Gedanken auf ein falsches Gleis. Schon bei einem Einzelnen kann es sich kaum um eine einfache Identität handeln: bin ich etwa „identisch“ mit dem jungen Mann, der ich vor 40 Jahren gewesen bin, oder mit dem Säugling vor 70 Jahren? Ich hoffe nicht: habe ich doch seither etwas dazugelernt, Erfahrungen gemacht – und freilich auch manches verloren. Ich soll sicherlich meine Erinnerungen beibehalten, mir zurechnen, was ich getan und versäumt habe, dies bedeutet aber keineswegs, dass ich mit mir „identisch“ bleibe. Umso irreführender ist es bei einem Volk, einer Nation: auch hier bin ich meinen Vorfahren etwas schuld, ihre Taten und Untaten betreffen mich freilich noch heute, aber mich mit meinem Volk, wie es vor 100 Jahren war, zu identifizieren – nein, danke!

Der Begriff der Identität kann auch leicht dazu verführen, diese vermeintliche Identität in einer verklärten europäischen Vergangenheit zu suchen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass diese „gemeinsame Vergangenheit“ nur zu oft zum blutigen Kampfplatz verschiedener ebenso starrer und unnachgiebiger „Identitäten“ wurde. Von Identitäten, die jede Andersheit als eine Lebensbedrohung ansahen und sich keinen anderen Ausgang als die Vernichtung aller Feinde vorstellen vermochten. Weil diese bösen Geister alter Feindschaften in Europa kaum je vollständig gebannt werden können, ist es nur ratsam, sie lieber nicht zu berühren.

Der vermeintliche Vorteil des Begriffs „Identität“, nämlich seine Wertneutralität, zeigt sich also als eine Falle: es kann sich nicht um ein sich-selber-gleich zu bleiben handeln, sondern nur darum, dass ich mein Volk einigermaßen schätze, und auf jeden Fall für es und seine Geschichte eine Verantwortung trage. Es geht nicht um eine vermeintlich gleich bleibende Substanz oder Identität, die man dann auch bloß aufzufinden hat und die von keinem etwas erfordert, die keine Mühe kostet, sondern um eine verbindliche positive Beziehung, die trotzdem auch immer kritisch bleiben muss. Sowie ich nicht mit meiner selbst bloß „identisch“ bin, sondern für mich und meine Vorfahren verantwortlich, verpflichtet meine und ihre Ehre zu wahren usw., so geht es auch Europa gegenüber vielmehr darum, dass wir sie mögen, unter Umständen vielleicht sogar lieben und auf jeden Fall für ihre Zukunft sorgen sollen. Europa ist ein Programm, ein Auftrag, eine Verpflichtung – freilich auch eine Hoffnung.

Deshalb bleibe ich dem Begriff der Identität gegenüber eher skeptisch, nicht aber dem, wozu er dienen sollte. Eine Suche nach dem, was uns als Europäer zusammenhält und verbindet, und noch wichtiger, was unserem Europa in der Zukunft nützlich, erforderlich oder einfach gut und schlecht sein könnte, ist eine der wichtigsten intellektuellen Aufgaben heutiger Zeit. In diesem Zusammenhang scheint mir wichtig zunächst die Eigenartigkeit Europas und des europäischen politischen Projekts vor Augen zu bringen, am besten in einem Vergleich mit seinem nächsten Verwandten, den USA.

Während das politische Projekt USA mit der amerikanischen Losung „E pluribus unum“, aus vielerlei eines, zutreffend charakterisiert werden kann, ist es in Europa anders. Während die Amerikaner eine einheitliche und kulturell weitgehend homogene Gesellschaft anstreben, wozu auch das berühmte Melting-pot Konzept dient, sind in Europa ähnliche Projekte in der Vergangenheit nicht nur gescheitert, sonder haben Katastrophen verursacht. So ist Napoleon mit seinem Projekt europäischer Einigung gescheitert, obwohl er den eroberten Völkern vieles an Fortschritt und bürgerlicher Befreiung anzubieten hatte – und noch viel, viel schlimmer ist es im nächsten Jahrhundert mit Hitler und seinem „Neuen Europa“ geraten, diesmal unter deutscher Führung.

Deshalb wissen wir Europäer bescheid, dass eine kulturelle und sprachliche Homogenisierung hier nicht in Frage kommt.[3] Nicht dass es sie nicht in der Vergangenheit gegeben hätte: die westlichen Monarchien haben es geschaffen, die späteren nationalen Gebiete sprachlich zu vereinheitlichen. So hat sich England noch im Mittelalter Wales, Schottland und Irland einverleibt, so ist Frankreich in den Albigenserkriegen und Spanien mit der Reconquista zu sprachlich-kulturellen und politischen Einheiten geworden. Später ging es aber nicht mehr und der ähnliche Versuch österreichischer Kaiser im 18. oder der russische im 19.-20. Jahrhundert haben nur exzentrische Nationalbewegungen als Reaktionen hervorgerufen.[4]

So muss Europa mit seiner vielfältigen sprachlichen Erbschaft als mit einer Gegebenheit rechnen, obwohl ihre politische Aufgabe auf den ersten Blick wie Quadratur des Kreises aussehen mag: eine demokratische Gemeinschaft aus Bürgern zu schaffen, die sich mit den meisten Mitbürgern sogar sprachlich nicht verständigen können. Freilich bringt diese europäische Beschaffenheit offensichtliche Nachteile: die „Transaktionskosten“ der Ökonomen, mit all den Kommunikationsschwierigkeiten, mit den Kosten für Übersetzungen, für verschiedene Rechtssysteme usw. werden natürlich immer höher bleiben als in den sprachlich homogenen USA.[5]

Andererseits kann aber Europa gerade deshalb unmöglich zu einem „Superstaat“ werden, obwohl bestimmte Utopisten darüber träumen und Skeptiker uns damit einschüchtern wollen. Der Grad der Machtkonzentration wird hier immer hinter den USA nachhinken, was übrigens auch seine Vorteile hat. Es fragt sich, ob die ungeheuere Macht des modernen Staates überhaupt einem Einzelnen anvertraut werden darf. Der Grad der emotionellen Identifizierung mit Brüssel kann nie mit Washington konkurrieren und die Popularität der EU-Politik wird wenigstens emotional immer hinter den nationalen Politiken zurückbleiben. Kein europäischer Politiker kann uns alle so zudringlich via Bildschirm in der Küche besuchen, wie es die Einheimischen tun, und man kann sich kaum einen europäischen Arlington-Friedhof bzw. Vierten Juli vorstellen.

Vielfalt alleine ist freilich für eine künftige europäische Politik zu wenig. Europa braucht auch etwas, was diese Vielfalt überbrückt und wenigstens zum Teil zu neutralisieren vermag. Wenn man will also einen gemeinsamen „Wert“, der sich wirksam vergesellschaftlichen ließe. Eine Rückkehr in die Zeiten, wenn das Christentum diese Rolle mehr oder weniger gut erfüllte, ist nicht zu erwarten – und auch nicht zu wünschen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine religiöse Bindung ex definitione zugleich andere ausschließt.

Der tschechische Philosoph Jan Patocka hat in seinem Buch über „Europa und Nacheuropa“ den platonischen Gedanken der kritischen Rationalität, der „Pflege um die Seele“, tes psyches epimeleia, als europäische Gemeinsamkeit empfohlen. Leider hat sich diese kritische Rationalität als politischer Leitgedanke gerade in Platos Athen nicht besonders gut bewährt[6] und moderne Menschen verstehen eine Sorge um die Seele notwendiger Weise falsch, d. h.  individualistisch, als eine Art „soul-building“, also letzten Endes anti-politisch; übrigens ist der Angebot an solchen Fitness-Einrichtungen für die Seelen schon heute ungeheuer groß.

Nun scheint mir aber, es gibt in der europäischen Geschichte eine etwas andere dauerhafte Tendenz, eine sehr charakteristische Leidenschaft – die Neugier. Sie ist wohl zunächst bei Herodot zu finden, dem ersten Europäer,[7] der sich der Erforschung der Sitten, der Lebensweisen und Besonderheiten anderer Völker gewidmet hat. Die gleiche Leidenschaft hat zum Teil christliche Mönche und Missionare in dunkle, unzugängliche Gegenden, in andere Erdteile getrieben, die Pilger und Kreuzfahrer, die Vaganten der Universitäten, die großen Entdecker der frühen Neuzeit bis zu den Kolonisten und Ethnographen des 19. Jahrhunderts beseelt – und freilich auch eine der größten europäischen Erfindungen, nämlich die Wissenschaft, vom Anfang an getrieben.

Diese mehr oder weniger kultivierte Neugier, die – als Wissenschaft – die Welt in eine Kugel, in einen Globus verwandelte und so auch die heutige „Globalisierung“ ins gang gebracht hat, sollte nun auch für Europa selbst zu einem wichtigen Thema gemacht werden, also zu einem Wert der europäischen Politik. Ist diese These so irrsinnig, wie sie auf den ersten Blick aussehen mag?

Eine große Schwäche moderner Theorien der „Multikulturalität“ besteht darin, dass sie die sprachlich-kulturelle Verschiedenheit für sich alleine schon für einen Wert halten. Doch ein bloß gleichgültiges Nebeneinander von verschiedenen Kulturen und Ethnien ist an sich genommen nur eine Qual, ein Hindernis und eine latente Gefahr. In guten Zeiten allgemeiner Ruhe und Prosperität kann man sie wohl als flüchtiger äußerer Beobachter, als ein Tourist bewundern, in jeder Krise kann sie aber zum Sprengstoff werden. Das gleichgültige „Tolerieren“ der Anderen, der Nachbarn, die mich und uns gar nicht angehen, mit denen wir nichts gemeinsam haben, über die wir nichts wissen und mit denen wir uns nicht unterhalten können, ist bloß ein Ignorieren, dass bei jeder Gelegenheit ins Verdacht und ins Feindschaft umkippen kann – Beispiele gibt es in jeder Menge. Der wohl schlimmste und tragischste ist der europäische Antisemitismus, der auf so beschämende und für die Meisten überraschende Weise aus der vermeintlichen Idylle des „friedlichen Nebeneinanders“ so plötzlich explodieren konnte – in Wirklichkeit gerade deshalb, weil es ein gleichgültiges, verächtliches Nebeneinander gewesen ist.[8]

Wenn die sprachlich-kulturelle Verschiedenheit zu etwas wertvollem, zu einer produktiven Inspiration werden soll, müssen diese „verschiedenen“ Nachbarn und Mitbürger miteinander Kommunizieren, einander kennen und sogar schätzen lernen, was in der europäischen Vergangenheit wenigstens zum Teil auch geschah. Die Quelle der unleugbar überdurchschnittlichen europäischen Produktivität und Kreativität ist nicht die bloße „Verschiedenheit“ gewesen, sondern erst die gegenseitigen Begegnungen und Befruchtungen mit den Anderen. Die Motive für diese Kontaktnahme mag man wohl auch anders benennen, doch ich ziehe die schlichte Bezeichnung „Neugier“ vor.

Nun wird diese Neugier auch in der heutigen Welt systematisch gepflegt, leider nur in seinen etwas verfallenen und oberflächlichen Formen. Von vielen Beispielen will ich nur wenige erwähnen. Das Fernsehen, das unsere „Freizeit“ so wirksam füllt, pflegt zwar ein gewisses Interesse an dem jeweils Anderen, Überraschenden und Neuem, bloß auf eine höchst oberflächliche, bequemliche Art, wie es sich für ein Unterhaltungsmedium geziemt. Etwas wirklicheres – weil etwas mehr Erforderndes – ist der Tourismus, auch eine ungeheuere Industrie unserer Zeit, die zwar von der Neugier lebt, sie aber meist nur scheinbar fördert: die Hotels, die Schwimmbäder und letztendlich auch die Plagen unterscheiden sich immer weniger voneinander. Schon beim Tourismus wird die heilige Neugier der Menschen oft schamlos instrumentalisiert und ausgebeutet, noch viel schlimmer ist es in der Reklame, die meist ein entsetzlicher Missbrauch der Neugier ist, der diese endlich tötet.

Die fast geheiligte Form der systematisierten Neugier ist in Europa freilich die Wissenschaft. Auch sie unterliegt aber heute einer Instrumentalisierung, die dieses produktive Element der Neugier fast zum erloschen bringt. Die sog. Naturwissenschaften haben sich auf das beschränkt, was überall auf dieser Welt gleich ist, also messbar und vergleichbar, und zwar immer mehr bloß in den Bereichen, die einen kommerziellen Nutzen wenigstens versprechen, oder aber militärisch interessant sind. Die Rückwirkungen dieser Verschmälerung sind heute überall die gleichen: junge Menschen scheuen diese technische Wissenschaft, und zwar nicht deshalb, weil sie zuviel Mühe erfordert – wie man oft sagt – sondern deshalb, weil sie ihre Neugierigkeit nicht zu wecken, geschweige den zu sättigen vermag.

Was wäre nun zu Tun, um diese elementare menschliche Leidenschaft, diese wichtigste aller menschlichen Begabungen zu entwickeln und zu vertiefen? So wie in den Wissenschaften verlangt jede kultivierte – und das heißt auch wertvolle – Neugier manche Kenntnisse und auch ein gewisses Wissen, das am ehesten in der systematischen Bildung und Erziehung zu erwerben ist. Das Interesse der Öffentlichkeit und sogar der Politiker für Erziehung offensichtlich wächst und in manchen europäischen Ländern ist es zum wichtigen Thema geworden. Bloß wird es meist auch nur in seiner instrumentalen Funktion gesehen, als Ausbildung einer Arbeitskraft, obwohl für eine „Wissensgesellschaft“, für eine high-skills society.

Eine „ent-Instrumentalisierung“ der schulischen Erziehung scheint auch aus einem anderen Grund geboten. Im Leben der Menschen in den heutigen reichen Gesellschaften wächst ständig der Anteil der freien Zeit, die einerseits gewollt und erstrebt, andererseits – als Arbeitslosigkeit – mit Recht gefürchtet wird. Die geläufige Antwort der Politiker, nämlich allen Bürgern die Arbeit, genauer gesagt die ersehnten Jobs zu besorgen, verliert schnell an ihrer Glaubwürdigkeit. Moderne Gesellschaften sind zwar reich genug, um keinen Bürger am Hunger sterben lassen, doch die gesellschaftliche Anerkennung und persönliche Erfüllung, die man hier traditionell in der Arbeit suchte, wird wahrscheinlich nicht allen zuteil.

Obwohl also eine der ersten Pflichten jeder guten Politik die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist und bleibt, die schulische Erziehung muss sich nicht auf eine Ausbildung der Arbeitskraft beschränken lassen, sondern muss junge Menschen auch für die – gewollte und sogar auch ungewollte – Freizeit vorbereiten. Sie darf nicht bloße Arbeitskraft, sondern mündige Menschen und verantwortliche Bürger ausbilden. Konkreter gesagt, es muss sie nicht nur mit (voraussichtlich) nützlichen Kompetenzen ausrüsten, sondern auch ihre menschliche Neugier erwecken, kultivieren und mit nötigen Kenntnissen und Kompetenzen unterstützen.

Wir wissen heute, welche Rolle die pflichtmäßige Schulerziehung in der Entstehung  moderner Nationalstaaten gespielt hat und alles weist darauf hin, dass dem auch in der Zukunft so sein wird.[9] Ohne eine zielgerichtete Erziehung wird auch das europäische Projekt nicht auskommen können. Aus dem oben gesagten folgt, dass diese europäische Bildung keineswegs die nationalstaatlichen Erziehungssysteme – schon aus Sprachgründen – ersetzen kann, es sollte sie aber vervollständigen und komplementieren, und zwar in mehrerer Hinsicht.

Zunächst – wie schon erwähnt – darf sie sich nicht zuviel instrumentalisieren lassen. Auch die europäische Bildung ist nicht bloßer Erwerb von direkt brauchbaren Kenntnissen, sondern grundsätzlich eine Kultivierung der traditionellen europäischen Neugierigkeit, der Durst nach erkennen, nach begreifen und verstehen. Europa hat den riesigen Vorteil, dass ihre Vielfältigkeit dafür unerschöpfliche Möglichkeiten, reiche Felder für Forschung und Entdeckung, zum Beispiel in den benachbarten Kulturen oder in der Geschichte bietet. Ein gut gebildeter Europäer kann unmöglich an innerer Leere, an Langeweile leiden, die heute unsere Jugend so sehr viel plagen.

Was heißt hier aber „gut gebildet“? Die erwähnte kulturelle Vielfalt darf man sich nicht bloß als eine unschädliche Vielfalt lokaler Küchen, Trachten oder Festivalle vorstellen. Ihre wichtigste Komponente ist die Vielfalt der Sprachen, die zunächst als  Barrieren, Hindernisse der Verständigung wirken. Sie ist die auffallendste europäische „Besonderheit“, auf den ersten Blick schiere Irrationalität, die aber trotzdem zum Vorteil verwandelt werden soll. Wie? Nun scheint mir also, dass eine der wichtigsten Komponenten einer europäischen Bildung ist die Mehrsprachigkeit, zu der noch etwas mehr gesagt werden muss.

In der unglücklichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Sprachen des Kontinents aus dem Wettbewerb der „Weltsprachen“ ausgeschieden und es ist das Englische als die globale lingua franca geblieben. Englisch ist die Weltsprache des Handels, der Wissenschaften, der Technik und auch des oberflächlichen Umgangs geworden und voraussichtlich auch bleiben wird. Wenigstens etwas englisch werden wir alle brauchen, man soll aber nicht der Illusion verfallen, damit sei das Sprachenproblem in Europa erledigt. Ein Freund, ein erfahrener Kaufmann, pflegt zu sagen, man könne zwar überall auf der Welt auf Englisch einkaufen, kaum aber verkaufen. Je nachdem, welchen Lebenslauf er sich vorstellt, wird ein gebildeter Europäer als dritte Sprache eine der größeren kontinentalen Sprachen benötigen. Was die kleineren Sprachgemeinschaften betrifft, werden ihre Mitglieder freilich öfter die Sprache der Größeren lernen als umgekehrt. Trotzdem wird auch die Sprachkenntnis dieser „kleinen“ Sprachen keineswegs an Wert und Bedeutung verlieren, und gerade weil sie immer selten bleiben werden, wird sie umso mehr gesucht.

Die Mehrsprachigkeit ist nicht nur ein Endzweck, sondern eine Bedingung für jeden wirklich nützlichen Austausch von Jugendlichen, Studenten, Lehrlinge, Wissenschaftler oder Handwerker. Die kurzsichtige Idee der „Gastarbeiter“, d. h. des Imports von Menschen, dessen Hände, nicht aber Köpfe oder gar Herzen benutzt  werden sollten, rächt sich heute in schwierigen gesellschaftlichen Problemen. Der erwünschte Austausch von Menschen ist etwas ganz anderes: die Menschen sollten aus freier Neugier kommen und entweder sich um eine neue Staatsbürgerschaft bewerben – mit allem, was dazu gehört, einschließlich der Mehrheitssprache – oder wieder nach Hause gehen. Beides ist für Europa ein beträchtlicher Gewinn.

Der massenhafte Studentenaustausch, wie er unter den Programmen Sokrates usw. schon heute läuft, ist eindeutig ein guter Anfang und soll unbedingt unterstützt und weiterentwickelt werden. Es weckt das erwünschte Interesse an den Anderen, bereichert die Teilnehmer und schafft tätige Verbindungen quer durch Europa. Seine Wirksamkeit könnte aber wesentlich erhöht werden, wenn man den sprachlichen Fähigkeiten der Teilnehmer mehr Aufmerksamkeit widmen würde. Es gibt mehrere Universitäten, die Vorlesungen auf Englisch versprechen, in Wirklichkeit aber kaum halten, und es gibt Studenten, die Sprachkenntnisse vortäuschen, die sie erst am Ort zu erwerben hoffen usw. Auch viele Bibliotheken bieten praktisch nur Bücher in der lokalen Sprache, was den Einheimischen gut passt, die Einkommenden aber am Studium hindert.

Eine andere bewährte Methode, die die Völker Europas näher zueinander gebracht hatte, sind die Übersetzungen. Wegen der Assymetrie zwischen den größeren und den kleineren Sprachen in Europa sollte man vielleicht Übersetzungen aus den kleineren Sprachen mehr fördern, damit die Leistungen dieser Leute auch den anderen zugute kommen, und zwar nicht nur in der schönen Literatur, sondern auch in den Wissenschaften. In der Geschichtsschreibung, in Philosophie usw. haben wir „kleineren“ oft den Vorteil, dass wir mehrere Sprachgebiete zugleich verfolgen und auch vergleichen können, was bei den Forschern der „großen“ Sprachgemeinschaften nicht so oft geschieht.

Die erwünschte Neugier, das Interesse für das Andere, für die Anderen kann durch ein europäisches Fernsehen wirksam erweckt werden, das freilich nicht bloß unter kommerziellem Druck arbeiten darf. Ein solches Unternehmen, dass mit gutem Gewissen aus europäischen Mitteln mitfinanziert werden kann, würde auch sehr vielen Menschen Arbeit verschaffen können, und zwar eine viel vernünftigere und nützlichere als manche „Arbeitsbeschaffungsmassnahmen“.

Die wirksame und dauerhafte „Integration“ Europas muss zwar von Brüssels oder Strassbourg durch allgemeine Rahmenbedingungen und Normen gesteuert, kann aber von dorther alleine keineswegs verwirklicht werden. Ein integriertes Europa kann nicht nur hierarchisch organisiert werden, bloß durch die Verbindungen zum Zentrum. Das bunt zerstückelte Europa, dass wir so sehr mögen, kann nur geduldig und sorgfältig aus den einzelnen Stücken zusammengenäht – wenn nicht zusammengeflickt – werden. Die entscheidende Arbeit an der gewünschten Integration wird an den Nahtstellen der einzelnen Kulturen und Sprachgebiete geleistet werden müssen, also nicht in den Zentren, sondern an den Sprachgrenzen, an den jeweiligen „Peripherien“. Diese leiden heute nicht nur an ihren wirtschaftlichen und sozialen Schwächen, an den Barrieren der Sprachen, sondern auch daran, dass sich die Menschen beiderseits der Grenze zu ihren jeweiligen nationalen Zentren hin orientieren und infolge dessen ihren Nachbarn den Rücken kehren.[10]

Deshalb ist ein großzügiges Programm grenzüberschreitender Zusammenarbeit, grenzüberschreitender Erziehung, Kultur und Forschung zu entwickeln, das solche Tätigkeiten vorrangig an den meist peripheren Nahtstellen unterstützen sollte, wo sich die echte Integration verwirklicht – oder eben scheitert. Den weiblich geduldigen, unauffälligen Charakter dieser wichtigen Arbeit für Europa würde wohl der Name „Penelope“ zutreffend zum Ausdruck bringen. Den negativen Teil ihrer Arbeit, das nächtliche Abtrennen, wird im Falle Europas schon die natürliche Entropie, die üblichen nachbarschaftlichen Reibereien sowieso mehr als nötig erledigen.

Zum Schluss ist nun noch ein ernstzunehmender Einwand zu erörtern: Ist dieser Vorschlag, Europa solle sich mehr einem geduldigen Zusammennähen seiner widerstrebenden Kulturen widmen um durch eine durchgedachte Erziehung eine Grundbedingung für seine Solidarität zu schaffen, nicht zuviel mit einem kollektiven Egoismus, mit dem berüchtigten „Eurozentrismus“ behaftet? Ich glaube nicht. Jeder Erfolg der europäischen Integrationsarbeit ist nämlich nicht nur für Europa von Bedeutung. Überall auf der Welt gibt es hellsichtige Menschen, die sich nach einem mehr pluralistischen Modell politischer Zusammenarbeit umschauen, die die ökonomische Globalisierung einigermaßen auszugleichen vermöchte. Nach etwas lockererem, weniger steifem als der melting pot –  und zugleich mehr verbindlichem und zuverlässigerem als die heutige Außenpolitik oder die UNO. Auch wenn die „Vollendung“ eines Weltfriedens, und d. h. einer Weltgesetzgebung, bloß „ein frommer Wunsch bliebe“, sind wir nichtsdestoweniger verpflichtet, „dahin unablässig zu wirken“, schrieb schon vor 200 Jahren Immanuel Kant.[11]

 

(Confrontations Europe, Juli 2006)

 



[1] Prof. Jan Sokol, Fakultät für Wissenschaften vom Menschen, Karlsuniversität in Prag; sokol@fhs.cuni.cz.

[2] Der metaphorische Begriff Identität hat sowohl in der Psychologie wie auch in den Sozialwissenschaften der letzten Dezennien eine unglaubliche Karriere gemacht. Stammend aus der Logik und Metaphysik, wurde es zunächst in der Administration verwendet (Identitätsausweis, Carte d´identité) und erst seit den 60. Jahren als zentraler Begriff der Psychologie usw.

[3] Ausführlicher in meinem Aufsatz: Europa spricht. Sprachenvielfalt und Politik. In: Osteuropa 5-6/2004, Berlin, S. 276-283.

[4] Der besondere Fall Deutschland verdient in dieser Hinsicht wesentlich mehr Aufmerksamkeit als meine Kompetenz erlaubt. Die verspätete, aber fast gewaltlose nationale Einigung Deutschlands, in der die Bildung und Kultur eine so hervorragende Rolle spielte und die zum Schluss nur eine gewaltige „Hebamme“ des Jahres 1870 benötigte, ist in unserem Zusammenhang bedeutsam.  Prof. Vogt hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass man nach 1870 von einer „inneren Reichsgründung“ spricht – etwas Ähnliches braucht heute mutatis mutandis die EU.

[5] Aus demselben Grunde hat aber auch die Öffnung der Grenzen nach 1989 zu keiner Völkerwanderung geführt, obwohl damit manche Politiker auch Stimmung (und Stimmen) machen wollten. Auch der „polnische Klempner“ hat sich als Papiertiger entlarvt – eben weil er polnisch ist und bleibt.

[6] Vgl. z. B. J. Bleicken, Die athenische Demokratie. Paderborn 1994.

[7] Obwohl ionischer, kleinasiatischer Herkunft; „Europa“ ist nämlich kein geographischer, sondern ein kulturell-historischer Begriff.

[8] Vgl. z. B. die eindrücklichen Schilderungen in den Romanen der Gebrüder Tharaud aus den zwanziger Jahren, etwa Un royaume de Dieu, La jument errante, La rose de Saron usw.

[9] Vgl. z. B. E. Gellner, Nations and Nationalism.

[10] Es gibt heute schon eine Menge verschiedener empirischer Forschungen, die diesen Zustand an den Grenzen bestätigen, doch sind daraus bisher keine politischen Schlussfolgerungen gezogen worden. Wohl unter der Illusion, europäische Integration erfolge durch das Unterschreiben im Schumann-Zentrum, bzw. in den Fernsehnachrichten.

[11] Metaphysik der Sitten I.2.2., Beschluss. Akad.-Ausgabe S. 354f.