Prof. Jan Sokol, Ph.D., CSc

Geboren 1936, verheiratet, drei Kinder und neun Enkelkinder. Ehemaliger Dissident und Politiker, Professor für Philosophische Anthropologie an der Fakultät der Humanwissenschaften der Karlsuniversität Prag. Aktuelle Themen: Anthropologie der Institutionen, Ethik, Religion, Rechtsphilosophie und Europa.

Schöpfung und Religion

Das eigentliche Thema dieses bescheidenen Beitrags ist der “Stellenwert” der Schöpfung für eine zeitgemäße Verkündigung des Christentums. Nach einem kurzen Erweis einiger allgemeinen Merkmale wenn nicht aller, so doch der meisten uns bekannten Religionen folgt eine phänomenologische Deutung, die zu einer Grundauffassung der Religion als besorgter Dankbarkeit für das Leben, die Liebe, die Kinder usw., […]

Der gesellschaftliche Auftrag der Alten

Die einfache Tatsache, dass in all den reichen modernen Gesellschaften die Zahl und Proportion alter Leute stetig steigt, bereitet den Politikern viele Sorgen. Nicht nur Finanz- und Arbeitsminister, sondern auch ganze Regierungen, Parlamente, Kommissionen und Experten verbringen unzählige Stunden in den Diskussionen über Altersversicherung und dessen nötige Reformen, die trotzdem immer weiter verschoben werden. In […]

Erziehung in anthropologischer Sicht

Der Blick der Pädagogik richtet sich natürlich zunächst und zumeist auf den individuellen Vorgang der Erziehung. Was geschieht mit dem Kind, was ist die Rolle und die Wirkung des Lehrers, die Lehr- und Lernmethoden mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Als praktische Wissenschaft will die Pädagogik diesen Vorgang begreifen und beschreiben, um ihn auf seine […]

Die Rolle Europas in einer globalen Welt

Das Thema, das mir hier anvertraut worden ist, halte ich für ebenso wichtig wie aktuell, zeitgemäss. Ein Mensch, dem es einigermassen gut geht, dem nichts wichtiges fehlt und den auch nichts besonders quält, kann unter Umständen der Versuchung verfallen, sich nur mit sich selbst, seinen eigenen Problemen und Ängsten zu beschäftigen. Etwas ähnliches kann nach […]

Peripherie und Grenze

Das Verhältnis Zentrum – Peripherie ist das Thema des Collegium Pontes 2004. Dieses Begriffspaar spielt seit langer Zeit eine bedeutende Rolle, vor allem in der Soziologie. Darüber werden hier andere, kompetente Leute später reden. Ich möchte in dieser Einführung einen noch größeren Abstand nehmen und die Beziehung Zentrum – Peripherie auch noch von einem anthropologischen, […]

Wie sieht die Freiheit aus?

Wer über das menschliche Entscheiden nachdenken will, muß voraussetzen, daß es tatsächlich irgendwelches gibt – das heißt, daß der Mensch frei ist. Nicht ohne Einschränkungen, selbstverständlich, aber trotzdem genug, um sich entscheiden zu können. Aber dadurch sind wir noch nicht weit geraten: worin besteht diese berühmte Freiheit, über die wir verfügen? Die Frage, was die […]

Nachbarschaft. Nähe und Abgrenzung aus anthropologischer Sicht

Der Mensch ist ein Lebewesen, das notwendigerweise in Gruppen lebt. Über dieses soziale Merkmal haben wir im Folgenden nachzudenken. Wir sind heute andere Menschen als unsere Vorfahren vor 500 Jahren, geschweige denn vor ein paar tausend Jahren. Dessen ungeachtet organisieren sich die menschlichen Gruppierungen nach einem bestimmten Prinzip, welches auch den Menschen im Einzelnen prägt. […]

Anthropologie der Solidarität

Der Begriff der Solidarität spielt heute in der öffentlichen Debatte eine sehr wichtige Rolle, und zwar auf mehreren Ebenen. Einerseits kann man ohne weiteres zugeben, dass in der allgemeinen Atmosphäre nicht nur des modernen Individualismus, sondern auch eines allgemeinen, sogar globalen Wettbewerbs, ein geweisser Nachdruck auf menschlichen Zusammenhalt, gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit hochaktuell ist. Als […]

Christliche Mission unter den Heiden?

Für uns Christen ist unser Glaube an den Leibgewordenen Gott in Jesus Christus eine göttliche Gabe, und sogar die höchste aller Gaben Gottes. Auf der Welt ist er aber – wenigstens zum Teil – uns Menschen anvertraut und aufgegeben. Auch wird der Glaube Leib in dem Volk Gottes und in der Form der Kirche zu […]

Multiple Identitäten – Einheit durch Vielfalt

Der Begriff der Identität hat in den letzten Jahren eine unglaubliche Karriere gemacht – ein eindeutiges Zeichen, dass hier etwas Not tut. Nach den Philosophen, Psychologen und Soziologen sprechen heute zunehmend auch Politiker z. B. über eine „europäische Identität“. Nun ist das Wort Identität[2] sehr, sehr vieldeutig – vielleicht deshalb auch so beliebt. Umso sorgfältiger […]

Der zweifache Schöpfungsbericht als hermeneutischer Schlüssel

Dass der Schöpfungsbericht der Bibel (Gn 1,1 – 3,24) in Wirklichkeit aus zwei Texten von unterschiedlicher Struktur, literarischer Gattung, vom verschiedenen Alter und Ursprung besteht, ist heute eine allgemein anerkannte Tatsache. Die Spannung zwischen den zwei Fassungen wurde in der Auslegungstradition verschiedenartig behandelt: entweder einfach nicht beachtet, vertuscht und unterdrückt, manchmal wurde der zweite Bericht auch als eine Fortsetzung, eine genauere Erklärung zum ersten interpretiert. In der aufklärerischen Bibelkritik betrachtete man die Spannung zwischen den beiden Texten oft als Zeichen einer Verworrenheit und benutzte sie sogar als ein Argument gegen die Autorität der Schrift. Bis heute fühlen auch gebildete Bibelleser eine gewisse Verlegenheit: wie ist das Verhältnis jener beiden so wichtigen Texte eigentlich zu verstehen? Im Folgenden soll zunächst die Verschiedenheit beider Texte kurz zusammengefasst werden. In einem weiteren Schritt soll ihre Bedeutung hinterfragt werden, die schließlich als ein wichtiger Schlüssel für die sachgemäße Deutung der Bibel im Ganzen fruchtbar gemacht werden soll.

Jan Patočka und die Charta 77

 Das zivile Engagement von Jan Patočka in der Charta 77 hat ganz bestimmt sein Leben verkürzt und gleichzeitig errang es eine gewisse Berühmtheit, besonders im Ausland. Diejenigen, die ihn kannten – seine Freunde wie auch die Geheimpolizei – musste sein entschiedenes Auftreten und energisches Handeln überraschen. Wie hing diese öffentliche Tätigkeit mit seinem ganzen Leben […]

1968 – 1977 – 1989 aus einer tschechischen Sicht

Ich bedanke mich herzlich fuer diese ehrenvolle Einladung und bin wirklich froh, dass ich heute hier zu ihnen sprechen darf. Die Veranstalter haben mir drei Daten vorgegeben, die den mühevollen Gang meines Landes zur Freiheit und Demokratie markieren – und die uns zugleich verschiedenartig verbinden. Schon früher, in den 60-er Jahren, wurde das damals tschechoslowakische […]

Zeugnis und Abkapselung

Erfahrung ist nur in sehr begrenztem Maße mitteilbar. Denen, die im Kommunismus gelebt haben, fehlt wohl der nötige Abstand – und wer es nicht erlebt hat, kann sich nur eine blasse Ahnung verschaffen. Und weiter: „der Kommunismus“ ist im Osten Europas eine ganze Epoche gewesen, mit sehr verschiedenen Phasen, in jedem der Länder etwas anders, […]

Macht und Ohnmacht Europa

Es ist für mich eine große Ehre, heute das Europäische Forum Alpbach mitzueröffnen und euch alle ansprechen zu dürfen. Ich bin den Veranstaltern für ihre Wahl sehr dankbar. Es ist jedoch eine andere Frage, ob ich, d. h. ob meine Vorlesung auch euch, liebe ZuhörerInnen, zufrieden stellen kann. Ich bin nämlich seit vielen Jahren kein […]

Sind Menschenrechte natürlich?

Das Konzept der Menschen- und bürgerlichen Rechte bildet heutzutage die wahrscheinlich einzig mögliche Basis einer friedlichen Weltordnung. Dennoch: die Formulierung dieser Rechte wie das diesbezügliche rechtliche und politische Denken leiden darunter, daß Rechte individualistisch verstanden werden, wie es der Aufklärungstradition entspricht, aus der sie entsprungen sind. Daraus resultiert der schwer lösbare Streit über Umfang und […]

Erziehung als Bedingung europäischer Solidarität

Der Stand der heutigen Debatte „um Europa“ ist alles andere als zufrieden stellend. Man könnte den Eindruck gewinnen, als ob die zwei negativen Volksentscheide in Frankreich und in den Niederlanden nicht nur die Politiker, sondern auch alle anderen Europäer so verblüfft, so aus dem Konzept gebracht hätten, dass wir uns nun fast schämten, über die […]

Europäische Identität als Auftrag

Nach der mehr technischen Panne mit dem Verfassungsvertrag fangen jetzt viele begeisterten Europäer an, sich ernsthaftere Gedanken über die Zukunft des politischen Europa zu machen. Und es ist auch gut so: es ist keine bloss technische Frage, wie unser Europa auszusehen soll. Nach all den glänzenden Erfolgen der letzten fünfzig Jahre, die freilich auch unter […]

Die dreifache Verantwortung der Universität

Die Universität, eine merkwürdige und typisch europäische Erfindung der erwachenden Stadtkultur des Mittelalters, hat ein äusserst zähes Leben erwiesen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie alle Versuche einer Unterjochung und Instrumentalisierung seitens des Staates mehr oder weniger glücklich überstanden und versucht heute oft zu ihren Wurzeln zurückzukehren. So ist sie eine der ältesten erhaltenen Institutionen, […]

‚Bürger‘ und ‚občan‘ Zu Eigenheiten der tschechischen Zivilgesellschaft

Ziel dieses bescheidenen Beitrags ist es, einerseits sichtbare Parallelen und Ähnlichkeiten bei der tschechischen Variante der Zivilgesellschaft und den Gesellschaften der Nachbarländer darzulegen, andererseits auch auf vielleicht weniger offensichtliche spezifische Merkmale, in denen sie sich unterschieden und in gewissem Maße noch immer unterscheiden, hinzuweisen. Aufmerksame Beobachter der tschechischen Gesellschaft, die Erfahrungen aus anderen Ländern haben, […]

Europa als Utopie und Aufgabe

Trotz aller Klagelieder ermüdeter Europäer ist Europa ein merkwürdiger Stück der Welt – und wird es auch in der Zukunft. Geographisch ein Zipfel  des riesigen asiatischen Kontinents – und zugleich ein Extrem kultureller Dichte. Gerade aus diesem Grunde ist politisch vereinigtes Europa kaum möglich. Trotzdem ist es den Römern einigermassen gelungen es zusammen zu bringen, […]

Leges sine moribus vanae

Das Rechtssystem ist ein wesentliches Element einer Gesellschaft. Das System stützt sich dabei notwendigerweise – wenn auch unterschwellig – auf die „Sitten“ der jeweiligen Gesellschaft. Ohne „gute Sitten“ kommt auch der Gesetzgeber nicht aus. Der Verweis auf die Sitten ist keinesfalls nebensächlich, denn das Rechtssystem hat sich einst aus diesen entwickelt und ist in ihr […]

Was ist Geld?

Geld ist nicht nur ein Tauschmittel, sondern auch ein Träger der Macht, die erst in der Geldwirtschaft fein und ohne Gewalt verteilt werden kann. Es lockert menschliche Bindungen, aber erweitert zugleich die wirksame Freiheit jedes einzelnen. Es ist nicht eine besondere Art von Ware, wie Gold und Silber, sondern verflüchtigt sich immer mehr bis zu […]