Peripherie und Grenze

Das Verhältnis Zentrum – Peripherie ist das Thema des Collegium Pontes 2004. Dieses Begriffspaar spielt seit langer Zeit eine bedeutende Rolle, vor allem in der Soziologie. Darüber werden hier andere, kompetente Leute später reden. Ich möchte in dieser Einführung einen noch größeren Abstand nehmen und die Beziehung Zentrum – Peripherie auch noch von einem anthropologischen, bzw. philosophischen Standpunkt her betrachten. Ich möchte zunächst zeigen, dass diese Struktur schon das Bewusstsein jedes Einzelnen wesentlich prägt und somit zu den “anthropologischen Konstanten” zählt. In einem zweiten Schritt will ich zeigen, wann, wie und warum sich diese Grundstruktur sozusagen sozialisiert, wie aus den einzelnen, individuellen Zentren allmählich kollektive bzw. gesellschaftliche Zentren erwachsen und besonders das symbolische Denken und Handeln der Menschen beherrschen. Im dritten Abschnitt möchte ich den besonderen Ort an der Grenze phänomenologisch erörtern um seine Besonderheit herauszuheben: die Grenze nicht nur als ein Platz am Rande, eine Peripherie der Peripherie, sondern als ein Ort, wo sich zwei verschiedene Peripherien berühren. Wo die unmittelbaren Nachbarn trotzdem jeder zu einem anderen Zentrum hinausblicken und folglich gegeneinander den Rücken kehren. Somit wird in der Moderne die Grenze allmählich zu einer Art gesellschaftlicher Wasserscheide, wo die geographischen Nachbarn sich in Wirklichkeit unendlich entfernt sind, weit mehr als ihre jeweiligen Zentren. So sieht die Lage der Menschen an der Grenze zunächst eher hoffnungslos aus. Im letzten Schritt will ich aber doch nach den Möglichkeiten einer Überwindung dieser Scheidelinie fragen und nach mutmaßlichen Hoffnungen für diese Grenzlagen eine Ausschau halten. 

1. Der Mensch als Zentrum eigener Peripherie

Als Immanuel Kant nach den apriorischen Bedingungen jeder menschlichen Erfahrung fragte, hat er die berühmten a priori entdeckt: die Zeit und den Raum.[1] Tatsächlich kann uns keine Sinneserfahrung gegeben werden, die nicht zugleich in den Rahmen von Zeit und Raum stünde. Nach einer genaueren Form oder Struktur dieser Rahmen hat Kant nicht viel weiter nachgeforscht und es scheint, dass er sich mit der abstrakten und rationalistischen Vorstellung eines geometrischen Raumes begnügt hat – eines leeren, homogenen, isotropen und unendlichen Behälters, der keine eigene Struktur erweist und bloß eine numerische Identifizierung aller seiner Punkte durch drei orthogonale Koordinaten zulässt. Eines Raumes ohne Eigenschaften.

Erst die spätere phänomenologische Forschung hat gezeigt, dass dies für den Raum unserer sinnlichen Erfahrungen keineswegs zutrifft.[2] Uns ist zwar jede Sinneserfahrung tatsächlich im Raume gegeben, nur hat dieser Raum eine viel reichere und plastischere Struktur. Unser Raum hat, wie schon Aristoteles wusste, keine drei Koordinaten, wie der abstrakte Raum eines Eukleides, sondern sechs verschiedene Richtungen: nach vorne und hinten, nach links und rechts, nach oben und unten. Diese Richtungen laufen nicht von einem abstrakten Nullpunkt ins Unendliche aus, sondern von einem Hier, das mit meinem Ort ganz selbstverständlich zusammenfällt, aus, über das in jeder der Richtungen mehr oder weniger nahe bis in die Ferne und zum Horizont. So stehe ich wesensnotwendig und jeweils im Zentrum meines Raumes und von mir aus wird auch die Nähe bzw. die Ferne geschätzt oder gemessen.[3]

Diese zentrale Lage meiner selbst kann ich nie und auf keine Weise loswerden. Ein wissenschaftlich geschulter Mensch möchte versucht werden zu glauben, vielleicht ein Raumflieger könnte die Welt etwas “objektiver” zu Sicht bekommen. Keineswegs. Denn auch ein Kosmonaut in seiner fliegenden Kapsel bleibt immer das Zentrum seiner Erfahrungswelt, umgegeben von der Nähe seines Apparates, nur dass für ihn die ganze Erdoberfläche in die weite Ferne rückt. Genauso unabdingbar ist für jeden von uns die Orientierung der Richtungen, die mit der Lage meines Körpers untrennbar verbunden ist. Nur aus der Erfahrung haben wir gelernt, dass das, was für mich links ist, ist für dich meistens rechts usw. Bloß die Orientierung nach oben – unten hin, wohl aus der Wirkung der Schwerkraft stammend, ist uns allen gemeinsam und von der Lage meines Leibes unabhängig: auch beim Kopfstand weiß ich, das ich – und nicht die Welt – auf dem Kopf stehe.

So ist schon hier, in der Verfassung meines Bewusstseins, die Struktur Zentrum – Peripherie fest begründet und verankert. In der “Subjektivität” meiner selbst, die zwar die Welt und die Objekte ganz scharf und plastisch vernehmen kann, jedenfalls aber in der Beziehung zu mir selbst, zum Beobachter. Um diese subjektive Bindung aller Erfahrung zu überwinden, mussten die Menschen viel kompliziertere Verfahren der Abstraktion entwickeln, wie die Sprache, die Symbole und Begriffe, die Landkarten und Pläne, den euklidischen Raum und die Geometrie. Erst in diesen Abstraktionen entsteht etwas, was nicht von der aktuellen Lage meiner selbst abhängig ist und folglich auch für uns alle gemeinsam und identisch sein kann, wie der Globus und die Wissenschaft. Doch auch jedes Messgerät, jede mathematische Formel und jede Landkarte wird immer von dem einzelnen Wissenschaftler aus betrachtet, und zwar als ein “dort” seinem eigenen “hier” gegenüber.

2. Das Zentrum und seine Peripherie

Schon in dem dichten Miteinander der Familie, worin jeder Mensch geboren wird und wo er mit seiner Erfahrung umzugehen lernt, haben wir auch gelernt, unsere eigenen Erfahrungen mit denen anderer zu verbinden und auszutauschen. Im gemeinsamen Handeln und in der Sprache bildet sich allmählich ein “wir” und unser gemeinsames hier, und zwar einem gemeinsamen “dort”, drüben gegenüber. So sind “wir” per definitionem immer hier, während “ihr” und “sie”, die Anderen, die Fremden bzw. die Feinde sich genauso natürlich und selbstverständlich “dort” befinden – je weiter in der Ferne, desto schlimmer für sie.

So bildet sich für Menschen als gesellschaftsbildende Lebewesen (zóa politika) notwendig eine gemeinsame Welt ähnlicher Erfahrungen, gleicher Objekte, gemeinsamer Handlungen und Ziele. Eine Erfahrungswelt, die selbstverständlich auch die wichtigen Merkmale und Strukturen der individuellen Erfahrungswelt übernimmt. Die Richtungen, die untrennbar an das Leib gebunden sind – vorne und hinten, links und rechts – treten in den Hintergrund, die zwei restlichen, d.h. nach oben – unten und nahe – ferne, werden mehr und mehr vergesellschaftlicht und zu kollektiven Unterscheidungen und Kategorien. Die kollektive Richtung oder Unterscheidung oben – unten, an das sich dann metaphorisch kollektive Wertungen, Moral und Sitte knüpfen, gehört nicht mehr zu unserem Thema. Umso mehr wird uns aber die kollektive Unterscheidung hier – dort, bzw. nahe – ferne interessieren.

Das Kollektive hier bleibt zunächst mit meiner und unserer Anwesenheit, leiblicher Präsenz meines eigenen Hier identisch. Das Zentrum bleibt zunächst noch hier, was dort und drüben ist, ist Peripherie, und d.h. bestenfalls belanglos, uninteressant, unserer Aufmerksamkeit nicht würdig, oder sogar feindlich. Im Ansatz ist doch schon hier die Möglichkeit einer Verlagerung gegeben. Ich bin zwar jetzt hier, in der Wildnis, im Walde, als Zentrum meiner eigenen unmittelbar empfundener Welt, doch bin ich hier nicht zu Hause, sondern in der Fremde, an einer Peripherie unserer gemeinsamen Welt. Ich verweile hier nur deshalb, damit ich abends oder morgen mit meiner Beute, mit Holz oder Fleisch, nach Hause zurückkehren kann.

Je mehr sich das Gesellschaftliche nun entwickelt, kompliziert und bereichert – der Tausch, symbolische Handlungen, Festlichkeiten und Pilgerfahrten – um so öfter und stärker fühlt sich der Mensch und die ganze Gruppe “dezentral”, d.h. zu einem entfernten Zentrum hin angezogen. Die großen Jahresfeste ganzer Stämme, wie die späteren Pilgerzüge sind die wohl ersten Zeugnisse einer Entwicklung, die immer größere Gemeinschaften zu gemeinsamen symbolischen und oft weit entfernten Zentren bindet. Ein anderer Beispiel ist die Bildung der Städte als gesellschaftlicher, religiöser, später auch wirtschaftlicher und politischer Zentren nicht nur für diejenige, die dort dauerhaft wohnen, sondern auch für die mehr oder weniger weite Nachbarschaft derer, die zwar in der Umgebung, an der Peripherie dieses größeren Zentrums wohnen, doch aber in seinen Anziehungsbereich gehören. Auf diese Weise entwickeln sich immer größere Gesellschaften mit ihren im Grunde symbolischen Zentren, und wenn es die Umstände erlauben – bzw. erfordern – können Stadtstaaten und politische Gebilde verschiedener Art entstehen, die wir schon historisch beobachten können.

Erst im Laufe dieser Entwicklung hat sich gezeigt, dass die besonders erfolgreichen Zentren eine immer größere Macht aus ihren jeweiligen Peripherien versammeln können, die sich nicht nur in ihrem Reichtum, sondern fast immer in einem wachsenden Appetit nach noch mehr Macht aus einer noch weiträumigeren Peripherie auswirkt. Nach dem ersten glänzenden Beispiel von Rom haben in der Neuzeit mehrere europäische Zentren versucht, sich auf verschiedene Weisen entscheidende Peripherien zu verschaffen und so zu Weltzentren zu werden. Nach dem Scheitern des napoleonischen Versuchs, des britischen Commonwealth und des wahnsinnigen – und trotzdem fast erfolgreichen – Versuchs Hitlers haben die Europäer begriffen, dass der freie Wettbewerb um Weltmacht und Weltherrschaft unbedingt beendet werden muss.

Eine Alternative wird diesseits und jenseits des Atlantiks auf verschiedenen Wegen gesucht, diese interessanten Strategien können wir aber hier nicht näher verfolgen, sondern nur ganz schematisch erwähnen. Amerika, die heute mit New York de facto ein konkurrenzloses Weltzentrum ist, sieht den Ausweg in einer rechtlichen Begrenzung der Macht durch die Menschenrechte und demokratische Garantien. In Europa setzt man seit dem Zweiten Weltkrieg darüber hinaus noch auf Dezentralität und Dezentrierung. Diese Tendenz mündet einerseits in die berühmte Subsidiarität, andererseits in ein erneutes Interesse um die Peripherien, und zwar nicht nur als Kraft- bzw. Macht-Reservoire der Zentren, sondern um der bisher vernachlässigten Peripherie selber. Obwohl ein ersehntes Gleichgewicht zwischen den zentripetalen und den lokal-sesshaften Kräften immer ein heikles und zerbrechliches ist und wohl auch bleibt, ist die Sorge um ein besseres Leben an der Peripherie eine sehr interessante Neuheit, die uns übrigens auch hier in Görlitz versammelt hat.

 

Für unser Thema sind nun folgende Ergebnisse wichtig:

  • Die Struktur von Zentrum und Peripherie ist eine Grundstruktur menschlicher Erfahrung, eine anthropologische Konstante, an der kaum etwas zu ändern ist.
  • Auch menschliche Gesellschaften jeder Art erweisen diese zentripetale Verfassung, in der sich die Struktur menschlichen Bewusstseins und Sinneserfahrung vermehrt und vergesellschaftlicht.
  • Folglich kann der Mensch sein eigenes “hier-Zentrum” von einem oder mehreren, oft symbolischen gesellschaftlichen Zentren unterscheiden, die ihn auch orientieren und anziehen.
  • Die Lebenswelt des Menschen ist heute immer zu mehreren, auch sehr entfernten Zentren hin orientiert, die ihn aus der Unmittelbarkeit seiner materiellen Umgebung herausziehen.
  • Jene zentripetale Tendenz der Menschen und menschlicher Gesellschaften führt zu einer fast unbegrenzten Machtballung und zügellosen Konkurrenz, die in der Neuzeit die ganze Menschheit bedroht hat.
  • Folglich gehört die Suche nach stabileren, und d. h. auch weniger zentralisierten Gesellschafsstrukturen zu den dringenden Aufgaben der Gegenwart.

3. Die Lage an der Grenze

Die Grenzlage wird oft – etwas gedankenlos – einfach mit der Peripherie gleichgesetzt. Nun hat aber der Begriff der Peripherie in der letzten Zeit fast jede Beziehung zu Geographie verloren. Es gibt berüchtigte “Peripherien” am Rande oder sogar in den Stadtkernen der Großstädte, es gibt zahlreiche vernachlässigte, periphere Gegenden im Inland aller Staaten, die sich durch mangelnde Kommunikationen, karge Arbeitsgelegenheiten und geringere Wahlmöglichkeiten auszeichnen. Andererseits ist auch z.B. die politische Bedeutung der Grenze geringer: der Schmuggel spielt sich oft an den Lufthäfen ab und sogar Kriege werden in der Regel nicht mehr an den Grenzen, sondern direkt in den Hauptzentren ausgefochten. Das ist aber immer noch nicht alles, was ein Leben an der Grenze auszeichnet, denn die Grenze ist nicht bloß Peripherie.

Das wichtigste Attribut einer Grenze ist die Tatsache, dass sich an der Grenze zwei verschiedene Peripherien berühren. Die geographisch benachbarten Bewohner beiderseits einer Grenze leben in Wirklichkeit in den Anziehungsbereichen zweier verschiedener Zentren. Als sich die Anziehungskraft der Zentren in der Neuzeit ungeheuer verstärkte, als jeder Staatsbürger in immer zahlreichere und kompliziertere (z.B. bürokratische) Abhängigkeiten vom Zentrum eingewickelt wurde, als die Kommunikationen auch zwischen peripheren Gegenden fast immer durch das Zentrum verlaufen, als uns das Fernsehen täglich hin zum Zentrum schauen lässt, haben in der letzten Zeit die Bindungen an Zentrum einen deutlichen Übergewicht den lokalen Bindungen der Lebenswelt gegenüber gewonnen. Obwohl wir uns am Tage, in der Arbeit, an der Strasse, beim Einkaufen usw. meist immer noch mehr oder weniger in der lokalen Lebenswelt bewegen, führt uns das Fernsehen allabendlich in das Zentrum, wohin auch sonst sehr viele unserer Verbindungen führen, besonders die symbolischen und gesellschaftlichen.[4]

So ist in der Moderne die Grenze zu einer Art gesellschaftlicher Wasserscheide geworden,[5] wo sich die geographischen Nachbarn jeweils in entgegengesetzte Richtungen hin orientieren und folglich einander den Rücken kehren. Die meisten lebensweltlichen und alltäglichen Sorgen, die sie wohl in der Vergangenheit zumindest hie und da zueinander gebracht haben, am Markt, bei einer Festlichkeit, bei einer gemeinsamen Not usw., werden heute zunehmend auch via Zentrum erledigt. Und weil in Europa der Nationalstaaten die Staatsgrenze meist zugleich eine Sprachgrenze ist, ist es kein Wunder, wenn sich gezeigt hat, dass sogar die Stacheldrähte des Eisernen Vorhangs letztendlich die meisten Leute, die daneben lebten, nicht so übermäßig geärgert haben. Eine solche Grenze ist lebloser Ort, wo nichts geschieht und wo auch keiner wandern möchte.[6] Übrigens – wozu, wenn auf der anderen Seite auch bloß Peripherie ist?

Heute werden die schroffsten Absurditäten dieser Grenzen langsam abgebaut und um in ein benachbartes Dorf zu fahren, braucht man nicht mehr zunächst ein Visum oder Bewilligung in der Hauptstadt zu holen. Doch die gesellschaftlichen und kulturellen Narben der Grenze sind viel zäher und lassen sich durch keine staatlichen Verordnungen beseitigen. Denn streng bürokratisch ließe sich eine Verbindung über die Grenze nur über eine den beiden Zentren übergeordnete Stelle knüpfen, was freilich die Zentralität der Gesellschaften nur verstärken würde. Eine Genesung der Wunden können nur die Ansässigen bewirken. So kann die heutige Aufgabe z.B. für Görlitz – Zgorzelec wie folgt formuliert werden: wie kann man die lebensweltliche Nähe der mal voneinander getrennten Städte wiederherstellen? Was könnte helfen, die Nachbarn zueinander näher zu bringen und die Narbe der Grenze zu heilen?

4. Was reicht über die Grenze?

Dies ist wohl keineswegs eine bloß technische Aufgabe, durch den Einsatz technischer Mittel zu lösen. Die gemeinden, die Staaten, die EU können – und sollen – eine gesunde Entwicklung an der Grenze wohl unterstützen, durch die Einrichtung der Übergänge, durch neue Brücken, durch einen besseren Unterricht, u.a. durch die Erneuerung des leider verloren gegangenen “natürlichen” Bilinguismus usw. Sie können – und sollen – günstigere Bedingungen schaffen, mehr können sie aber kaum bewerkstelligen, um aus dem “patchwork” Europa eine wirkliche “Gemeinschaft” zu schaffen. Dies bleibt den betroffenen Menschen vorbehalten, den beiderseits der Grenze wohnenden Bürgerinnen und Bürgern. Kann ihnen ein Außenstehender, darüber hinaus ein Tscheche, eine Hilfe leisten?

Der erste Schritt zu Besserung ist jeweils eine Diagnose, wie ich sie in aller Kürze versucht habe. Genauere und durch alle möglichen Umfragen begründete haben schon Soziologen geliefert. Ich habe nur den Privileg eines Philosophen genutzt, auch schlicht menschliche Einsichten und sogar Wertungen beizumischen, was den Wissenschaftlern verboten ist. Nun zum Schluss möchte ich noch auf eine etwas vergessene menschliche Eigenschaft verweisen, die an der Grenze gute Dienste leisten könnte. Es ist m.E. nach sogar eine vergessene Tugend, und zwar eine typisch europäische, nämlich die Neugier.

Ich versuchte zu zeigen, dass eine Besserung an der Grenze nur durch eine Verstärkung der ganz konkreten lebensweltlichen Bindungen und Bezüge stattfinden kann. Der alte Plato dachte, dass es die Not ist, die die Menschen zueinander näher bringt. Obwohl wir wissen, dass auch auf uns verschiedene Nöte kommen können und wahrscheinlich auch kommen, können wir sie kaum als Hoffnungen sehen. Not ist übrigens auch eine sehr zweischneidige Sache: sie kann Menschen nahe bringen, aber auch trennen und sogar gegeneinander hetzen. Der Mensch lebt aber nicht nur, um seine Nöte und Bedürfnisse zu stillen, sondern auch um etwas zu erkennen, zu erfahren, vielleicht sogar um etwas zu schaffen. Es ist eine der wertvollsten Gaben, die jedes Kind für sein Leben bekommt, dass der Mensch als besonders neugieriges Lebewesen auf die Welt kommt.

Manche Denker haben das typisch, charakteristisch europäische in der Vernünftigkeit, in der europäischen Rationalität gesucht, die seit der griechischen Aufklärung menschliche Gesellschaften statt auf einem mythischen Glauben nur auf Argumenten und auf Überzeugung gründen wollte. Mir scheint diese Charakterisierung etwas zu prahlerisch – und zugleich wissen wir heute auch viel mehr über die Schattenseiten der europäischen Rationalität bzw. ihrer Folgen. Was aber die europäische Kultur und Zivilisation von Anfang an beständig auszeichnet, ist eben das Interesse an dem jeweils anderen, kurz gesagt eine Neugier. Als ob die großen Europäer diese kindliche Ausstattung länger beibehalten wussten als es in den anderen Kulturen üblich ist.

Als den großen Begründer dieser merkwürdigen Tradition würde ich wohl Herodotos nennen, den ersten echten Forscher, und nach ihm unzählige andere. Nur die Europäer haben den irren Gedanken gehabt, man sollte bescheid wissen, was jenseits der Meere liegt, wie alle anderen Menschen leben, was auf dem Himmel geschieht, wie die Materie beschaffen ist und wie das Lebendige. Und zwar – wenigstens zunächst – ohne jede Nützlichkeitsgedanken. Die Entdecker, die Missionare, die Forschungsreisenden und übrigens alle echten Wissenschaftler haben für diese in den Augen der Erwachsenen etwas unwürdigen Tätigkeiten doch hier in Europa eine gewisse Achtung erworben, die sich dann und bis heute sogar lohnt.

So scheint mir ratsam auf diese große europäische Tradition anzuknüpfen und auch die “Wissenschaft” aus dem Banne der Zweckmäßigkeit etwas zu lösen. Den echten Forschungsgeist zu beleben auch unter uns gewöhnlichen Sterblichen, die eigentlich gerne wissen möchten, was sich jenseits der Grenze, an der wir gerade leben, abspielt. Wie die Leute dort sind, was sie essen und machen, was sie denken und was ihnen eventuell fehlt. Eine solche Neugier, die kein Eigeninteresse sucht, scheint mir für die Zukunft unseres Teils von Europa ein viel tragfähigeres Fundament, als alle anderen. Die Görlitzer und Zgorzelaner kann wohl nur die gegenseitige Neugierigkeit wieder zusammenbringen.

(Collegium Pontes, Görlitz 2004)


[1] I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 24 ff.

[2] Vgl. z. B. J. Patočka, Prirozeny svet jako filosoficky problem, Praha 1970, S. 78 f.

[3] Etwas sehr ähnliches gilt auch für die Zeit, die sich in unserer Erfahrung auch ins Vergangene und Zukünftige erstreckt, mit meinem “jetzt” in der Mitte, doch dies gehört nicht zu unserem Thema.

[4] In diesen Zusammenhang gehört m.E. nach auch die Beschwerde Heideggers, die Moderne habe zwar Entfernungen verringert, aber keine Nähe geschaffen.

[5] Nicht umsonst nennt man z.B. die Bergkämme oft “natürliche Grenzen”.

[6] Gerade umgekehrt war es bei der Berliner Mauer, einer “Grenze” in der Mitte der Hauptstadt. Deshalb ist sie auch als die erste gefallen. Eine gewisse Narbe ist aber auch dort noch zu spüren.