Der gesellschaftliche Auftrag der Alten

Die einfache Tatsache, dass in all den reichen modernen Gesellschaften die Zahl und Proportion alter Leute stetig steigt, bereitet den Politikern viele Sorgen. Nicht nur Finanz- und Arbeitsminister, sondern auch ganze Regierungen, Parlamente, Kommissionen und Experten verbringen unzählige Stunden in den Diskussionen über Altersversicherung und dessen nötige Reformen, die trotzdem immer weiter verschoben werden. In vielen Ländern wird diese Tendenz schon als eine ernsthafte Bedrohung des sozialen und wirtschaftlichen Gleichgewichts, wenn nicht sogar des gesellschaftlichen Friedens angesehen. Was ist so besonders heikel und peinlich an einer Sache, die demographisch so einfach aussieht? Einerseits bilden wir Alten auch einen immer wachsenden Teil der Wählerstimmen, andererseits werden wir eindeutig und wie selbstverständlich als bloße Konsumenten, bloße Nutznießer sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen betrachtet.

Wie sonst könnten wir aber betrachtet werden? Schon in den skrupellosen fünfziger Jahren haben tschechische Kinder in der Schule ein Vers rezitiert: “Dědeček a babička / ujídají chlebíčka”, der Opa und die Oma essen von unserem Brot weg. Heute handelt sich wohl nicht um Brot, sondern um die Renten, um die Kosten der Krankenkassen und vielleicht auch noch um die knappe Ressource Beschäftigung: es sind die Alten, die oft die besten Stellen besetzen und so die Arbeitslosigkeit der Jungen verursachen.

Rebus sic stantibus, bei diesem Stand der Dinge kann der Titel meines Beitrags als reine Provokation klingen: die Alten und ein Auftrag? Im folgenden werden keine Lösungen der demographischen Krise angeboten und auch Finanzminister werden darin kaum etwas brauchbares finden können, doch möchte ich in aller Bescheidenheit die These verteidigen, den Alten kommt eine bestimmte und sogar wichtige gesellschaftliche Funktion zu, die aber vom rein ökonomischen Standpunkt nicht erblickt werden kann. Wir werden sogar den methodischen Individualismus moderner Human- und Sozialwissenschaften überwinden müssen und einen viel breiteren Blick auf Menschen gewinnen. Dann aber, glaube ich, lässt sich am wenigsten zeigen, auch dem Alter komme eine spezifische Aufgabe zu, die zwar heute nicht in den Bruttosozialprodukt eingeht, trotzdem für das Weiterbestehen menschlicher Gesellschaften wichtig ist.

Der erwähnte Individualismus moderner Wissenschaften vom Menschen und menschlichen Gesellschaften ist wohl ein methodischer, eine ziemlich grobe Vereinfachung, die bloß zur Ermöglichung bzw. Erleichterung quantitativer Forschungen und derer Interpretationen angenommen worden ist. Sonst hat noch niemand im Ernst bestreitet, der Mensch könne nur in einer Gesellschaft leben, und zwar schon deshalb, weil zu seiner Reproduktion unbedingt zwei Individuen nötig sind, Frau und Mann, und weil er nur unter anderen Menschen die ihm ebenso nötige Kultur, Sprache usw. erwerben kann.

Obwohl die modernen Gesellschaften oft einen nicht nur methodischen Individualismus pflegen und dem Einzelnen womöglich einen Vorzug geben, leben wir alle in Wirklichkeit nur dank einem immer dichteren und immer komplizierteren Netzwerk von Abhängigkeiten, die zwar heute meist anonym bleiben, doch um so mehr unser Leben beeinflussen. Die Arbeitsteilung, der Austausch spielt gerade in unserer Lebensweise eine unvergleichlich größere Rolle als je in der Vergangenheit; kaum jemand von uns wäre fähig als Robinson Crusoe an einer Insel alleine zu überleben. Insofern ist die Tatsache der Gesellschaft als ein notwendiges Milieu jedes Einzelnen anerkannt und umgekehrt “der Mensch” auch meist als Mitglied einer bestimmten Gesellschaft angesehen.

Trotzdem ist die geläufige Sicht der Gesellschaft auf eine seltsame Weise verflacht: in der Politik, in der Wissenschaft und in der Wirtschaft wird sie oft als eine dauerhafte Menge mündiger Erwachsenen betrachtet, und ihr Leben als ein fester Attribut dieser Individuen angenommen. Obwohl wir volens nolens unsere Verstrickung in unzählige gesellschaftliche Verbindungen und Abhängigkeiten anerkennen, unsere Gesamtansicht der Gesellschaft ist mehr oder weniger “präsentisch” und die Gesellschaft eine bloß “synchrone” Gesellschaft der gerade anwesenden und handelnden.

Jede Gesellschaft ist aber in Wirklichkeit ein komplizierter Prozess, in dem sich nicht nur die vielen Einzelleben begegnen, miteinander kooperieren oder streiten, sondern auch von Zeit zu Zeit sterben und durch neue Einzelne ersetzt werden. So kommt erst in unseren Blick die andere Dimension gesellschaftlichen Lebens, nämlich die “diachrone”, die nicht bloß die individuellen Schicksale der Menschen, sondern auch die Verkettung ihrer Generationen enthält. Schauen wir uns zunächst den Individualfall an, ein einzelnes Lebewesen, einschließlich seiner Ontogenese.

Fast alle Lebewesen müssen um ihr Weiterleben sorgen und können zwar in jedem Augenblick sterben, versuchen aber immer den Tod möglichst verschieben; trotzdem haben sie bekanntlich eine mehr oder weniger festgesetzte und artspezifische Lebensspanne, nach der sie sterben müssen. Auch diese ihnen zunächst in Aussicht gegebene Zeit verläuft aber keineswegs als ein bloßes Beharren, wie bei unbelebten Dingen, sondern als ein mehr oder weniger komplizierter Verlauf, der oft in mehrere Phasen verteilt werden kann. So fängt das Leben eines Schmetterlings als ein Ei, aus dem wird eine Raupe, eine Puppe und erst dann der Schmetterling. Der Lebensverlauf der Säugetiere ist etwas “geradliniger”, trotzdem stellt er eine spezifische Kurve, eine “Zeitgestalt” dar. Die spezifische Zeitgestalt des Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass sie – neben der “produktiven” Etappe der Mündigkeit – noch die zwei “biologisch unproduktiven”, wo er sich nicht fortpflanzen kann, enthält: die Jugend und das Alter, z. B. nach der Menopause. Beide sind ungewöhnlich lang und scheinen sich im Laufe der Zeit noch verlängern.

Der Mensch wird nach einer verhältnismäßig langen Gestation trotzdem als ein machtloser Säugling geboren, für mehrere Jahre von seiner Mutter bzw. seinen Eltern vollkommen abhängig. Sollte der menschliche Neugeborene vergleichbare Fertigkeiten z. B. mit einem Fohlen ausweisen, müsste die Gestation doppelt so lange dauern. Manche Anthropologen sprechen deshalb von einer “physiologischen Frühgeburt”. Was ist nun der Sinn, der “evolutionäre Vorteil” dieser sonderbaren Unterschiede des Menschen anderen Säugetieren gegenüber? Einen Schlüssel gibt vielleicht die Ungleichheit der körperlichen Entwicklung des Menschen: der Kopf eines Neugeborenen erreicht fast 60% der erwachsenen Größe, während die Glieder bei etwa 20% bleiben. Es scheint also, als ob der Sinn jener “Frühgeburt” darin besteht, den Neugeborenen möglichst früh den Einflüssen der Umgebung auszusetzen, ihm möglichst viel Zeit zur Sammlung eigener Erfahrungen und zum Erlernen all dessen, was der Mensch nicht als Instinkt bekommt, sondern individuell aufbauen muss, bevor er seine Mündigkeit erreicht. Das wohl wichtigste Beispiel ist die Sprache.

Charles Darwin, einmal gefragt, in welcher Etappe seines Lebens er das Meiste gelernt habe, soll ohne Zögern gesagt haben – in den ersten drei Jahren. Im Vergleich zum biologischen Vererbung, einschließlich der Instinkte, ist nun dieses Lernen ein äußerst Prekäres Unternehmen. Der Genom wird bei jeder Zellteilung sorgfältig auf Genauigkeit geprüft, während diese kulturelle Weitergabe – z. B. der Sprache – in menschlichen Händen liegt und deren Erfolg nicht von der Bemühung des (erwachsenen) Lehrers, sondern ausschließlich von der Lernfähigkeit des Kindes abhängt: was da nicht richtig angenommen und angeeignet wird, kann endgültig verloren gehen.

Die außerordentliche Geschmeidigkeit kultureller Übergabe, die die Plastizität menschlichen Verhaltens ermöglicht, ist nur die Kehrseite jener Prekarität, die das ganze Kulturgut in jeder Generation grundsätzlich bedroht. Kein Wunder, dass alle Kulturen, indem das Volumen des zu übergebenden wächst, die Zuverlässigkeit und Genauigkeit dieser Übergabe durch sehr verschiedene Einrichtungen und Institutionen zu unterstützen versucht. Hierher gehören wohl die Rituale und der Vers, ebenso wie der Lehrer und die Schule. Eine hervorragende Stütze kultureller Weitergabe ist die Schrift, weiterhin die Literatur, die Wissenschaft usw.

Doch die wohl wichtigste Stütz- und Schutzeinrichtung bietet das Überlappen der Generationen. Wie wir sahen, zeichnen die menschliche Entwicklung die zwei “unproduktiven” Etappen aus, die sozusagen zueinender passen. Eine wesentliche Rolle der Alten besteht darin, dass sie die kulturelle Weitergabe unterstützen und kontrollieren – im Bereich der Sprache z. B. durch Erzählen. Auch in anderen Bereichen kann die Anwesenheit, die Teilnahme der Grosseltern oder auch sonstiger Alten der gefährlichen Biegsamkeit kultureller Entwicklung eine zwar “weiche”, doch aber auch wirksame Bremse sein, die den Verlust an ererbtem Kulturgut verringern kann.

***

Nun kann sich aber der wohlwollende Leser fragen, ob dies alles nicht nur ein romantischer Wunschtraum ist: wo sind heute die Großmütter, die willig erzählen würden – und wo sind die Kinder, die es erdulden würden? Auch die Weitergabe der unbedingt notwendigen Kulturgüter ist heute professionalisiert, den Schuleinrichtungen und dem Fernsehen anvertraut – und daran lässt sich kaum etwas ändern.

Das mag zwar alles stimmen, doch dem letzten kann ich nicht zustimmen. Die Welt, in der wir leben, kann kaum jemand verändern – wohl aber sein eigenes Handeln in ihr. Und dazu gibt es, glaube ich, ganz gute Gründe: auf die kulturelle Wirkung des Fernsehens, besonders in puncto Sprache, wird heute allgemein geschimpft – und sehr viele der Alten beschweren sich auf einen Mangel an sinnvoller Tätigkeit. Viele fühlen sich unausgelastet, suchen sich verschiedene Ersatztätigkeiten. Unter dem individualistischen Dogma der Moderne wird das Alter als eine Zeit des Nichtstuns und reinen Konsums gesehen. Für manche mag das anziehend sein, manche aber schrecken davor und versuchen krampfhaft das Alter überhaupt zu meiden. Doch es gibt vielleicht eine alternative Deutung des Alters, mit einem eigenen Auftrag und einer eigenen Würde. Es liegt mir fern jemandem Rezepte zu geben und habe dazu keine Befugnis. Doch denjenigen unter uns Alten, die mit der heute üblichen Art des Zeitvertreibs nicht viel anfangen können, sollte hier eine Möglichkeit gezeigt werden, ein Thema zum Nachdenken, vielleicht ein Angebot.

(Konferenz Alte Menschen in der modernen Gesellschaft, Karolinum 5. 5. 05:)